London "to go"

London2013„Hast du deinen Pass auch dabei?" Herr Johnen stand mit einer Liste der Schüler vor mir und hakte meinen Namen ab, als ich ihm die Karte entgegen hielt, „Ok, es sind schon fast alle drin." Voller Vorfreude quetschte ich mich durch die kleine Fahrertür in den Bus. Ich hatte viel zu viel Gepäck bei mir, das wurde mir bewusst, als ich kaum durch den Gang passte und beinahe über den Mülleimer stolperte. Natürlich saßen alle meine Freunde hinten. Als ich all mein Zeug auf den Sitz pfefferte, wurde ich aufgeregt begrüßt und schon ein paar Minuten später setzte sich der Bus in Bewegung. Auf den Weg in einen anstrengenden Tag, auf den Weg in ein anderes Land, auf den Weg nach London!


London2013Die Kurztrip-Klassenfahrt fand für die Stufe 8 und die Englisch LKs der Oberstufe vom 27.06.2013 bis zum 29.06.2013 statt. Jeder, der wollte, konnte für einen Betrag von 55 Euro teilnehmen. Obwohl es nicht verpflichtend war, waren fast alle Schülerinnen und Schüler dabei, schließlich wollte es sich keiner entgehen lassen, auch wenn es sich beim Aufenthalt um nur einen Tag handelte.
Nun hatten wir ca. 8 Stunden Busfahrt vor der Brust, in der wir eigentlich vor hatten, uns für den anstehenden Tag auszuruhen, doch die Aufregung war einfach zu groß. Erst nach ca. 5 Stunden Fahrt war es für kurze Zeit komplett still. Draußen zogen orangefarbene Straßenlaternen vorbei und wurden wieder von der Dunkelheit verschluckt, die Autobahn war so gut wie leer, und die Landschaft hinter der Leitplanke war nur in Umrissen zu erkennen. Die einzigen Geräusche waren der laute Motor und die Klimaanlage des Busses, die mir schon die ganze Zeit kalte Luft ins Gesicht pustete. Ich drücke den Kopf auf mein Kissen am Fenster und auch mir vielen die Augen kurzzeitig zu. Als ich sie wieder öffnete, standen wir. Etwas weiter vorne waren kleine aneinandergereihte Wachhäuschen zu erkennen. Das hieß, wir waren in Frankreich an der Grenze, also kurz davor auf die Fähre zu fahren. Langsam ging es vorwärts und schließlich öffneten sich die Türen und ein französischer Passkontrolleur kam herein und leuchtete jedem Einzelnen ins Gesicht. Die Schüler mit einem Visum mussten aussteigen und verschwanden in einem der Häuschen. Schnell waren die Kontrollen vollzogen, der Bus fuhr auf die Fähre und wenig später liefen wir die Treppen des Schiffes hinauf.
London2013In völliger Dunkelheit schaukelte es in Richtung Großbritannien, ohne jeden ersichtlichen Horizont aus dem Fenster. Nicht allen bekam das gut, einige wurden seekrank und konnten es kaum erwarten nach der zweistündigen Überfahrt endlich wieder auf festen Boden zu stehen. Zum Glück blieb ich davon verschont, doch die Plätze auf der Fähre waren alles andere als gemütlich – wir versuchten uns, so gut es ging, einzurichten, aber Stühle und Bänke waren zu schmal um uns lang hinlegen zu können. Außerdem gab es dort die letzte gute Möglichkeit sein Handy aufzuladen, schließlich es war Pflicht, dass wir immer erreichbar waren.
Schon saßen wir wieder im Bus und staunten über die neuen Eindrücke. Es war leicht zu erkennen, dass wir nicht mehr in Deutschland waren. Als wir aus der Fähre fuhren, ragten riesige Steinklippen vor dem Meer in die Höhe. Dies waren die White-Cliffs von Dover. Es war ein schönes Bild, wie sie durch dem Nebel aus dem Boden erschienen und die Wellen daran brachen. An manchen Stellen waren Fenster eingebaut und ich fragte mich, ob sie nur zur Dekoration waren oder dort tatsächlich Leute lebten oder arbeiteten.
London2013Wir fuhren an kleinen Läden vorbei und unter Tunneln her und gelangten schließlich an unser Ziel, die Themse. Zügig mussten wir aussteigen, es war erst 7 Uhr morgens, doch auf den Straßen Londons war schon viel Verkehr. Man konnte bereits das London Eye auf der anderen Seite erkennen. Brücken führten hinüber und es wurden viele neue Gebäude gebaut.
Mit der Handtasche in der einen und dem Fotoapparat in der anderen Hand sahen wir aus wie typische Touristen, an jeder Ecke blieben wir stehen und machten Fotos von allen Statuen, Bänken oder Tunneln, so unscheinbar sie auch waren. Menschen in Anzügen rasten an uns vorbei, viele Jogger kamen uns entgegen und auch Fahrradfahrer klingelten unsere Gruppe genervt zur Seite. Sofort fiel mir auf, wie viele Menschen zu Fuß unterwegs waren, sogar die schicken „Anzugträger" hatten Jogging- anstatt Lackschuhen an. Der Grund dafür wurde uns später nochmal deutlicher.
Nach einem kurzen Zwischenstopp führte unser Weg über die Millenium Bridge. Die Stahlbrücke schafft eine direkte Verbindung von der Kunsthalle Tate modern, auf dem southwarker Ufer der Themse, zur Innenstadt. Auf der anderen Seite erwartete uns die Kathedrale St. Paul. Sie zählt als Eigenkirche des Britischen Königshauses. Dort fand zum Beispiel die Trauung von Prinz Charles und Lady Diana statt.
London2013Es ging weiter durch die Innenstadt Londons. Dicht an dicht lagen die Schaufenster auf beiden Straßenseiten nebeneinander. Taxis und die typisch roten Sightseeingbusse schlängelten sich an uns vorbei. Ein geregeltes System gab es offensichtlich nicht, auch bei roten Ampeln liefen die Bürger einfach vor den hupenden Autos her. Jeder war in Eile und dies ist der Grund, warum man fast ausschließlich zu Fuß unterwegs ist, denn auf einen fließenden Verkehr konnte man keinesfalls vertrauen.
Schließlich gelangten wir an das London Eye und ein paar Meter weiter ragte der große Glockenturm des Big Ben in die Höhe.
Big Ben wird allein die schwerste der fünf Glocken im Turm genannt und nicht der Turm selber. Er steht gegenüber der Houses of Parliament (auch Palace of Westminster genannt). Vor der Themse bietet es einen mächtigen Anblick, die Wände sehen von außen aus wie vergoldet und viele kleine Details wurden beachtet. Inmitten dieser Wände wehte die britische Fahne im Wind, es bedeutet, dass die Queen anwesend ist.
Nach ein paar Fotos war es Zeit für eine Frühstückspause. Sie wurde in dem Café eines Krankenhauses verbracht, nach kurzer Zeit jedoch ging es schon wieder weiter, der Zeitplan war prall gefüllt. Mittlerweile fing es, wie typisch für England, an zu regnen. Trotz schwerer Beine und Genörgel wurde die Stadttour weitergeführt.
Wieder durch die vollen Straßen, vorbei am Westminster Abbey (bekannt als Krönungskirche) und durch einen schön angelegten Park bis wir schließlich am Buckingham Palace ankamen. Der Plan war, sich die Wachablösung (Changing of the guards ) gemeinsam anzuschauen, letztendlich wurde dies jedoch freigestellt und diejenigen, die mit ihrer Kleingruppentour bereits beginnen wollten, hatten nun die Möglichkeit.
Wir blieben noch bis die königliche Infanterie marschierend und auf Pferden eintraf. Dann wurde es uns zu voll und so beschlossen wir, wie die meisten anderen auch, alleine weiter zu ziehen.
Natürlich haben wir schon lange geplant, dass unser Einzelaufenthalt nicht aus Kultur, sondern Shopping bestehen sollte.
Der Weg zur bekannten Einkaufsstraße Oxfordstreet war mit der U-Bahn gerade mal drei Haltestellen entfernt, zu Fuß hätten wir mehr als eine halbe Stunde gebraucht! So stand fest: Wir nehmen den Weg durch den „Underground" – natürlich ahnte niemand, was uns noch für ein Problem bevorstehen würde...
London2013Wir stiegen die Treppe zur Station hinab, und es schien, als tauchten wir in eine andere Welt ab. Unten angekommen stank es schrecklich nach Urin und anderen Fäkalien. Rechts von uns verlief ein langer Gang in die Toilettenräume, doch man konnte bis zu uns riechen, dass sie nur selten gereinigt würden. Wir gingen weiter und kamen in die Haupthalle. Links gab es mehrere Infofenster und geradeaus die Drehkreuze, die den Weg zu den Bahnen versperrten, bis man sein Ticket eingeworfen hatte. „Oh Gott, wollen wir nicht doch selber laufen?", war meine erste Aussage, aber ich wurde schließlich überstimmt. Wo sollten wir unsere Tickets nun herbekommen? Wir fanden einen ‚deutschsprachigen' Ticketautomaten und konnten unser Glück kaum fassen, doch als wir nach langem Rätseln, wie das System funktioniert und welches Ticket wir eigentlich brauchen, sechs Tageskarten angaben und bezahlten, zeigte der Bildschirm plötzlich eine Fehlermeldung und weder unser Geld noch die Karten wurden ausgeworfen. Jemand tippte auf ‚Mitarbeiter-hilfe' und verzweifelt hielten wir Ausschau nach jemandem, der uns zur Hilfe kommen sollte, doch keine Spur. Die Schlange hinter uns wurde immer länger und die Leute immer grimmiger. Wir waren so verzweifelt, dass unsere Englischkenntnisse von einer auf die andere Minute verschwunden waren. In einer gestotterten Mischung aus Englisch und Deutsch versuchten wir zu erklären, dass man den Automaten nicht benutzen könne und nach und nach löste sich die Reihe in alle Richtungen auf. Zwischendurch kamen gestresste Engländer und forderten uns auf doch endlich Platz zu machen, damit sie ihre Tickets bestellen können. Manche stießen uns sogar zur Seite, weil wir das Problem nicht so schnell schildern konnten wie sie wollten. "NO you cant get on this one...äh our Geld aah money is in it! We dont got our tickets!"
In der Zwischenzeit machten sich zwei von uns auf die Suche nach einem Mitarbeiter und letztendlich, nach gefühlten Stunden schrecklicher Englischunterhaltungen, kam ein Mann und hörte sich unser Problem an. Nachdem er endlich verstanden hatte, was wir von ihm wollten, verschwand er in einem Büro nebenan und kam nach 15 Minuten mit Restgeld und sechs Tagestickets hinaus. Nach einer kurzen Einweisung in das Underground-System konnten wir endlich durch die Drehkreuze zu unserer Bahn.
Eine steile Rolltreppe brachte uns weiter nach unten. Sie war sehr schmal und steil. Ein ungeschriebenes Gesetz ist es, dass sich jeder auf die rechte Seite stellt um den Menschen, die es besonders eilig haben, Platz zu machen. Zum Glück wurde es uns bereits auf der Hinfahrt gesagt, ansonsten lief man Gefahr einfach umgerannt zu werden.
Die Bahn, die wir eigentlich zu nehmen geplant hatten, war nach unserem Malheur natürlich schon längst abgefahren, aber es dauerte nicht lange bis die nächste eintraf.
Die Fahrt war klapperig, laut und man stand dicht an dicht nebeneinander, aber das war uns dann auch egal, denn wir waren froh, es endlich in die Bahn geschafft zu haben.
Als wir ankamen, rannten die Leute wie wild durcheinander und ich umschlang den Reißverschluss meiner Tasche, denn diese Aufruhr war die perfekte Gelegenheit für Diebe, und von einem geklauten Portemonnaie wollte ich mir wirklich nicht den Tag versauen lassen.
Nun hatten wir bis um viertel vor Neun am Abend Zeit zum Shoppen und unser Glück war: in fast allen Läden hingen die knallroten SALE Schilder, die unsere Herzen höher schlagen ließen. Sofort viel uns auf, dass der Style hier viel toleranter war.
Es war nicht wirklich warm, trotzdem trafen wir viele Jugendliche mit bauchfreien Tops oder knappen Shorts. In unseren Augen war es viel zu kühl für Sommeroutfits.
Seit früh morgens waren wir nun auf den Beinen und sogar, als wir uns in ein Restaurant setzen wollten um endlich etwas Richtiges zu essen, gab es keinen einzigen freien Platz. Schließlich gaben wir es auf nach Sitzgelegenheiten zu suchen und ließen uns von unseren knurrenden Mägen in den nächsten Mc Donalds leiten. Es war nichts Besonderes, aber in dem Moment unsere Rettung vor dem Verhungern.
London201307Gestärkt ging unser Trip weiter. An einer Seitenstraße stand ein Wagen mit allen möglichen Souvenirs. Einen Pulli mit der typischen Aufschrift I ♥ London wollten wir alle haben und wurden sofort von dem Verkäufer angesprochen, er konnte sogar ein bisschen Deutsch. Er sagte schnell, dass wir die Pullis günstiger bekommen und wir folgten ihm ins Innere des Standes. Bis obenhin war er mit Stoff gefüllt. Der Kauf ging so schnell, dass wir gar nicht richtig verstanden, was gerade passierte. Unser Geld wurde einkassiert, ein Rest zurückgegeben und schon wurden wir wieder aus dem Verkaufswagen gescheucht. Bis heute glauben wir, dass er uns in irgendeiner Art und Weise reingelegt hatte, Ich wusste nicht genau, ob das Rückgeld passte, aber was hätten wir auch jetzt noch machen sollen? Alles ging viel zu schnell als dass wir es verstanden.
Trotzdem bummelten wir weiter. Die Stunden vergingen wie im Flug. Die Straßen hatten sich gefüllt, es wurde mehr geschubst und gedrängelt. Taxis und Busse hupten in einer Tour und die Leute schenkten ihnen keinerlei Beachtung. Irgendwann liefen wir einfach mit dem Strom über die roten Ampeln, als würden auch wir die Bedeutung nicht verstehen.
Ich fühlte mich wie in Trance denn plötzlich überkam mich die Müdigkeit – die laute Stadt, die muffige Luft und der Menschenauflauf. Es war alles so ungewohnt! Gerade fing es wieder an zu regnen, Zeit für eine letzte Pause.
Endlich kamen wir mit unseren Tüten in ein Café wo zu unserem Glück gerade ein Tisch mit gemütlichen Sesseln frei gemacht wurde. Wir ließen uns nicht zweimal einladen und fielen erschöpft hinein.
Wir tranken süße Frappuccinos, die uns wach hielten und kamen zu dem Entschluss, lieber etwas früher, als zu spät zurück zum vereinbarten Treffpunkt zu fahren. Unsere Becher waren leer und wir verschwanden aus der überfüllten Gegend um die nächste U-Bahn zu erwischen. Zum Glück verlief dieses Mal alles glatt. Viel zu pünktlich kamen wir an, ein paar andere waren auch schon eingetroffen.
Manche von uns entschieden spontan noch schnell zu dem ein oder anderem Laden zu fahren, den sie nicht mehr erreicht hatten, die Zeit und das Tagestickets waren ja noch da.
Später, nach mehreren Klassenfotos, kamen unsere Busse. Das war das Ende eines anstrengenden Tages in London. Wir fuhren vorbei am London Eye, ließen langsam den starken Verkehr und die Menschenmassen zurück. Außer auf der Fähre schliefen wir die gesamte Rückfahrt durch, trotz kalter Klimaanlage und trotz schrecklichen Liege- bzw. Sitzpositionen. Die Nackenprobleme sollten einen Tag danach auftreten, aber es hat sich gelohnt diese Erfahrungen gemacht zu haben.

Leah Herkt