„Hip-Hop als Ventil!“ – Neuer Rap-Song über das MGH als Schule ohne Rassismus

020617Das MGH hat einen neuen Schulsong! In diesem rappen Taha, Luis, Serhat, Selina, Daniel und Yassin über ihre Erfahrungen mit dem MGH als „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage". Der Song „Herzlich Willkommen am MGH" kann hier angehört werden. Im Folgenden gibt es Hintergrundinformationen zur Entstehungsgeschichte und zum Song selbst.

Zur Vorgeschichte: Im Juli 2017, kurz vor den Sommerferien, fanden sich ca. 30 Schülerinnen und Schüler zum viertägigen Workshop „Rap gegen Menschenfeindlichkeit – Hip-Hop und Rassismus" ein. Dieser fand im Rahmen der Projektwoche „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" am Märkischen Gymnasium statt. Thematisiert wurden dabei nicht nur allgemeine Fragen zur Hip-Hop Kultur und ihrer großen Vielfalt (z. B. Rap, DJing, Breakdance, Graffiti oder Beatboxing). Insbesondere rückte die US-amerikanische und deutsche Rap-Geschichte in den Vordergrund. Ein wichtiger Punkt des Austausches war die Spannung zwischen Rap als Party-Musik und Rap als Ausdruck von Problemen und Gesellschaftskritik. Diese Spannung wird bereits in zwei der bekanntesten und ältesten Hip-Hop-Tracks deutlich: Während „Rapper's Delight" (1979) von der Sugarhill Gang auf oberflächlich-spaßige Weise funktioniert, wird in Grandmaster Flashs „The Message" (1982) die Lebenslage im Großstadt-Ghetto kritisch in den Blick genommen. Es entwickelte sich ein eigener Traditionsstrang des politischen Raps („Rap als Black CNN"), der auch heute noch aktuell ist: Zum Beispiel thematisiert Kendrick Lamar in vielen seiner Lieder Polizeigewalt gegen Schwarze. In dieser Tradition hat auch die Geschichte des deutschen Raps begonnen: Der erste wirkliche Rapsong auf Deutsch – wenn man einmal von Falco absieht – wurde von der Fresh Familee unter dem Titel „Ahmet Gündüz" (1990) herausgebracht. Die Ratinger Hip-Hop-Gruppe wurde von türkischen, marokkanischen, mazedonischen und deutschen Jugendlichen gegründet. Daher spielten die Migrationserfahrungen der Bandmitglieder eine zentrale Rolle in den Texten: „Ich kann das gut verstehn', wir haben andere Sitten. Ich weiß du magst es nicht. Ich möchte dich doch bitten, das alles zu verstehen - in den Spiegel mal zu sehen." Kritik an rassistischen Erfahrungen ist gerade am Beginn der deutschen Hip-Hop-Geschichte zu finden, wie zum Beispiel bei Advanced Chemistry oder später bei den Brothers Keepers. Immer geht es letztendlich darum, dass Rap ein Ventil darstellt, um die individuellen und kollektiven Erfahrungen zur Sprache zu bringen, ihnen ein Ausdrucksmedium zu geben. „Rap als Ventil" war dann auch in der zweiten Hälfte des Workshops die Devise, in der Texte geschrieben und aufgenommen wurden.

Zur Produktion: Nach den Sommerferien bildete sich dann eine Gruppe von sechs Personen, den Schülern Luis, Serhat, Taha, Daniel und Yassin und der Schülerin Selina. Diese sechs waren besonders motiviert einen eigenen Song zu produzieren, bei dem alles – auch die Beats – selbst gemacht sind. Thematisch wurde an das Thema „Rap gegen Menschenfeindlichkeit" angeschlossen. Dabei kam die Perspektive ins Spiel, ein Lied über das Märkische Gymnasium als Schule ohne Rassismus zu machen. In Zusammenarbeit mit David Walbelder wurde im ersten Schritt ein Beat produziert. Dabei ging es auch um musikpädagogische und ästhetische Fragen: Die Schülerin und die Schüler lernten in Worte zu fassen, was sie an bestimmten Beats gut fanden oder warum ihnen andere Instrumentals nicht gefielen. In einem zweiten Schritt wurde der Dortmunder Rapper „Schlakks" eingeladen, der beim Texte schreiben und Aufnehmen mit Rat und Tat zur Seite stand und eine echte Bereicherung war. Zuletzt wurde – in Absprachen mit allen Beteiligten – die einzelnen Parts zusammengesetzt und professionell abgemischt (der Dank geht an Christian Ketteler).

Zum Rap-Song: Erstaunlich sicher in Text und Flow zeigen sich die sechs beim Song. Von Anfang an wird deutlich, dass sie eine humanistische Programmatik verfolgen. Im ersten Part rappt Taha: „nicht wichtig, welche Nation, Religion, denn es gibt für uns nur eine Option/ die Menschlichkeit steht bei uns im Vordergrund/ denn durch Hass und Krieg wird die Welt hier nicht bunt!" Die sechs positionieren sich eindeutig, geben sich gleichzeitig jedoch auch selbstkritisch, wie Luis (2. Part) deutlich macht: „ich gehe auf diese Schule, hier hab' ich meine Leute/ uns geht's gut, deshalb verdrängen wir die Sorgen/ Armut, Hunger, Rassimus, Probleme/ Parteien wie die NPD kann ich mir nicht geben." Dabei versucht er die genannten Probleme in ihren Zusammenhängen zu reflektieren, wie seine kapitalismuskritischen Töne vernehmen lassen: „Konzerne, die Tonnen Essen wegwerfen/ denken nicht dran, dass Kinder an Hunger sterben." Diese Zeilen erinnern daran, dass jedes Jahr mehrere zehn Millionen Menschen an Hunger sterben, obwohl die Weltlandwirtschaft laut dem World Food Report der UNO zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Auch Serhat (3. Part) verbindet seine (schulische) Biografie mit den Übeln der Welt: „ich geh' auf diese Schule und stehe am Pausenhof/ öfter frage ich mich, was ist draußen los/ die Tage grau mit Rassismus gefüllt/ viele Länder am Ende, von Kriegen umhüllt." Genau damit trifft er auch den Ton des Refrains, in dem der Zusammenhalt und die Gemeinschaft an der Schule – trotzt mancher Schwierigkeiten – betont und diese als sicherer Rückzugsort in einer „Welt [...] in Flammen" beschrieben wird. Persönliche Töne stimmt Selina im vierten Part an, in dem sie ihren Schulwechsel auf das MGH reflektiert und sehr positiv bewertet: „neue Schule, neue Gesichter/ Gefühle in mir unauffindbar/ ... doch MGH gab mir die Hand/ durch Freundschaft und Frieden, stärkte das Band." Daniel (5. Part) findet dagegen auch klare Worte der Kritik: „ich gehe auf diese Schule, diese Schule mit Courage/ doch manchmal ist diese Schule auch eine Blamage." In seinen Zeilen lässt er charmant und durchaus ironisch seine wohlwollend-kritische Wahrnehmung der Schule durchblicken: „es geht den Lehrern nicht nur ums Geld/ denn wenn es zur Pause schellt/ und du's noch nicht kannst/ dann wird's dir erklärt, ohne dass du's verlangst!" Zu guter Letzt wird Yassin beinahe philosophisch, wenn er die existenzielle Gleichheit aller Menschen pointiert auf den Punkt bringt: „es ist egal, ob Schwarze oder Weiße/ am Ende ist doch jeder Grabstein das Gleiche."

Dank: Herzlich bedanken möchten wir uns bei den vielen Sponsoren, die diesen Workshop und das Lied ermöglicht haben. Dazu gehört das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage", das Märkische Gymnasium, die DGB Jugend Dortmund- Hellweg, das Stadtteilbüro Hamm-West, der Hammer Migrationsrat und Fuge e.V. Nur durch ihre großzügige Unterstützung konnte dieses Projekt umgesetzt werden.

Philipp Schröer, Martin Müller und Jan-Hendrik Herbst