Mehr Freude am Lernen?

SCHULE Hochbegabte Schüler sollen in der ersten Hammer ,,Profilgruppe" besonders gefordert werden. Viele Eltern haben noch Bedenken

Schwer auf Draht: In der Klasse 7b des Markischen Gymnasiums hat es Mathelehrer Ulrich Schlinkert mit den hochbegabten Schülern dieses Jahrgangs zu tun. • Foto: Rother HAMM •

Mathe-Lehrer Ulrich Schlinkert verteilt bunte Karten mit Textaufgaben. Flugs schließen sich Schülerinnen und Schüler zu Kleingruppen zusammen, diskutieren die Fragestellungen, stellen gemeinsam Berechnungen an. "Die Lösung ist nicht richtig." Das dunkelhaarige Mädchen schüttelt den Kopf. "Doch", sagt die Nachbarin, erklärt den Sachverhalt, stellt ihre Überlegungen zur Diskussion. Kurz darauf steht die Losung in allen Heften. Diese Methodik des Mathematik-Lernens in der Klasse 7b am Markischen Gymnasium ist ungewöhnlich. Das liegt daran, dass auch die Klasse 7b ungewöhnlich ist. 18 der 26 Schüler gehören zur erstmals eingerichteten "Profilgruppe" der Hochbegabten.

Da sich mit dieser Zahl keine ganze Profilklasse einrichten ließ, wurden die ausgewählten Schüler mit acht anderen überdurchschnittlich begabten Kindern zusammengesteckt. "Dies ist die einzige Profilgruppe in Hamm", sagt Schulleiter Dr. Michael Sennewald nicht ohne Stolz. "In ganz Nordrhein-Westfalen gibt es seit den Sommerferien fünf reine Profilklassen und 93 Profilgruppen." Dabei wäre es nach Ansicht des Schulleiters ein Leichtes gewesen, auch an seiner Schule eine ganze Klasse zu füllen. "Ein Sprinter hat auch keine Lust, ständig zu joggen." "Wir hatten 44 Kinder mit dem Potenzial gehabt", erklärt er. In vielen Fällen hatten aber die Eltern Bedenken angemeldet und keinen entsprechenden Antrag gestellt. "Es herrschte zum Beispiel die Angst vor, dass die Profilschüler keine Zeit zum Spielen mehr haben würden", so Sennewald. Dabei werde aber übersehen, dass hochbegabte Kinder bei besonderer Förderung viel mehr Freude am Lernen entwickeln können. "Ein Sprinter hat auch keine Lust, ständig nur zu joggen", zuckt Sennewald die Achseln. Mittlerweile haben die Schüler in der Mathe-Stunde ihre Gruppen aufgelöst und wieder neue gebildet. Jedes Kind stellt nun seine Rechenaufgabe in der neuen, Gruppe vor und hört zugleich bei den anderen Aufgaben gut zu. So ist jedes Kind zugleich Schüler und Lehrer. Erst, wenn eine Gruppe irgendwo nicht weiter weiß, tritt Ulrich Schlinkert in Aktion. "Diese zeitaufwändige Form des Unterrichts ist in dieser Klasse möglich, weil wir viel weniger Zeit für die Wiederholungseinheit benötigen", sagt der Lehrer. "Das macht sehr viel Spaß, weil wir uns gegenseitig ergänzen", erklären Friederike und Josi. Eitel Sonnenschein? Nicht ganz. "Die Schüler, die nicht zur Profilgruppe gehören, haben sich am Anfang ausgegrenzt gefühlt", sagt Johanna. Allerdings habe sich diese Situation mittlerweile gebessert, meint Jessica. "Jetzt fragt fast niemand mehr danach, wer Profilschüler ist und wer nicht." Was die Leistungen betrifft, scheinen sich die Profilschüler ebenfalls, nicht abzugrenzen, sondern vielmehr die anderen mitzuziehen. Bewertet werden die Leistungen der Klasse übrigens ganz fair im Vergleich mit den Parallelklassen. "Die schulischen Anforderungen sind dieselben. Hier ist der Notendurchschnitt einfach besser", sagt Schulleiter Sennewald. Und bei der Versetzung in die elfte Klasse werden die Profilschüler automatisch berechtigt sein, gleich in die 12 zu springen. Auch auf die Parallelklassen soll sich die Einrichtung der Profilgruppe positiv auswirken. "Diese Lerngruppen sind nun ebenfalls homogener, und wer zuvor in der zweiten Reihe stand, kann sich dort jetzt profilieren", so Sennewald. "Wir gehen davon aus, dass sich in den Parallelklassen neue Schülerspitzen ausbilden werden." • Antje Altmann

WA vom 16.11.2001