Die Ängste der Eltern

BILDUNG Im Hammer Westen wechseln weniger Kinder aufs Gymnasium als in anderen Stadtbezirken. „Das Potenzial ist vorhanden"

06.06.02.bDas Märkische Gymnasium als Stadtteilschule für den Hammer Westen hat mit einer vergleichsweise geringen Übergangsquote von der Grundschule aufs Gymnasium zu kämpfen. • Archiv-Foto: Rother

HAMM-WESTEN • Dr. Hanns-Michael Sennewald wirkt ein wenig nachdenklich. 1973 sei das Märkische Gymnasium vor allem mit dem Ziel im Hammer Westen angesiedelt worden, die hier lebenden Kinder und Jugendlichen ans Gymnasium heranzuführen, so der Schulleiter. Dies sei in den vergangenen Jahren aber nur zum Teil gelungen. „Gegenüber den 70er Jahren hat sieh die Übergangsquote von der Grundschule aufs Gymnasium nicht wesentlich verändert", verwies Sennewald auf die aktuellen Anmeldezahlen aus den Stadtbezirken Herringen und Pelkum.

Und diese sprechen eine deutliche Sprache. Während zum Beispiel in den bürgerlichen Stadtbezirken Uentrop und Rhynern die Übergangsquote 37,1 beziehungsweise 40,9 Prozent beträgt, liegt sie in den vor allem von Arbeitern geprägten Stadtbezirken Pelkum (33,2) und Herringen (20,8) darunter. Lediglich der Stadtbezirk Bockum-Hövel (20,7) rangiert noch hinter Herringeh. „Für uns als Stadtteilschule im Hammer Westen bedeutet dies, dass wir wesentlich mehr Einwohner benötigen, um auf die gleichen Anmeldezahlen wie vom-Stein-Gymnasium zu kommen", erklärte der Schulleiter. Die 30 Schüler aus Herringen und Pelkum, die sich fürs kommende Schuljahr auf dem Gymnasium in Bönen angemeldet haben, täten vor diesem Hintergrund besonders weh. Nach Ansicht des Schulleiters bedeutet die vergleichsweise geringe Übergangsquote aufs Gymnasium jedoch nicht, dass die Kinder aus dem Hammer Westen weniger intelligent als Kinder aus dem Hammer Osten sind. Intelligenz habe auch nichts mit der teuren Kleidung zu tun, die letztere oft tragen. „Die hohe Zahl der Seiteneinsteiger nach der Klasse 10 zeigt uns eindeutig, dass wesentlich mehr Kinder in der Lage wären, das Gymnasium ab der Klasse 5 zu besuchen." Der beste Abiturient des vergangenen Jahres sei ein solcher Seiteneinsteiger gewesen, erklärte Sennewald. Das Potenzial sei also vorhanden. „Grob gerechnet bedeuten 30 000 .Einwohner ein Gymnasium." In Herringen und Pelkum zusammen lebten aber über 40000 Menschen. Bei dieser Bevölkerungszahl seien sechs bis sieben Züge möglich. Doch woran liegt es, dass in Pelkum und vor allem in Herringen die Übergangsquote aufs Gymnasium vergleichsweise gering ist? Hierfür gebe es mehrere Gründe, so Sennewald. „Einige Eltern, die oft einen einfachen Bildungsweg hinter sich haben, sind fälschlicherweise der Meinung, dass das Gymnasium auch für ihre Kinder zu schwer ist. Auch fürchten sie sich davor, ihren Kindern nicht helfen zu können. Zudem haben sie Angst, die Kinder könnten sich entfremden", so Sennewald. Die Hemmschwelle, die eigenen Kinder aufs Gymnasium zu schicken, sei einfach zu groß. „Intelligenz hat nichts mit teurer Kleidung zu tun" Um das zu ändern, sieht Sennewald neben den Schulen auch die Politik in der Pflicht. Schon die Grundschulen sollten verstärkt versuchen, die Eltern der Viert-klässler im psychologischen Bereich aufs Gymnasium vorzubereiten. Nur so könnten die vorhandenen Hemmschwellen und Ängste abgebaut werden. Hilfreich wäre auch eine intensivere Hausaufgabenhilfe beziehungsweise -betreuung der jüngeren rende Schule. „Wir haben uns hierzu bereits Gedanken gemacht und Kontakt mit der Stadt aufgenommen", so Sennewald. Eine solche Betreuung sei auch eine finanzielle Frage. „Ferner müssen wir versuchen, verstärkt auch die Eltern zu uns zu holen." Diskussionsabende zu altersspezifischen Themen wie zum Beispiel die Pubertät könnten dabei hilfreich sein. „Schließlich wünsche ich mir, dass auch die Politiker offensiver mit der Problematik umgehen." Ein Nachteil fürs Märkische Gymnasium sei, so Sennewald, sicherlich auch das Image, das die Stadtteilschule in vielen Bereichen immer noch hat. „Zu unrecht", wie der Schulleiter erklärte. Die Probleme im Schulzentrum West bezögen sich in erster Linie auf die Friedrich-Ebert-Realschule, nicht aber aufs Märkische Gymnasium, die Parkschule oder die Geistschule. „Doch alle Schulen leiden darunter." Dabei sei das Märkische Gymnasium eine der am modernsten ausgestatteten Schulen in der Stadt. Als Beispiel nannte Sennewald die Computerräume, das künftige Selbstlernzentrum sowie die Profilklassse/ Profilgruppe. • stg

WA vom 06.06.2002