"Opfer der Wegschauenden"

VOR ORT Gedenken am Jahrestag der Reichspogromnacht. Schüler des Märkischen Gymnasiums rezitierten Celans „Todesfuge" und spielten Werke jüdischer Komponisten

11.11.02Mit Judenstern gekennzeichnet rezitierten Schüler Celans „Todesfuge". • Foto: Mroß

HAMM • „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland": Was Paul Celan in seinem erschütternden Gedicht „Todesfuge" in lyrische Worte fasste, begann auch für die damals in Hamm lebenden Juden mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938, als Nazis und ihre Sympathisanten in ganz Deutschland Juden demütigten, verfolgten und misshandelten, ihre Synagogen, Wohnungen und Geschäfte in Brand setzten. Rund 30 Bürger gedachten am Samstag bei einer vom Arbeitskreis „Woche der Brüderlichkeit" und Schülern des Märkischen Gymnasiums vorbereiteten Veranstaltung auf dem Santa-Monica-Platz der Opfer.

Die Veranstaltung am Gedenkstein - dort, wo einst die Hammer Synagoge stand - wurde musikalisch mit Stücken jüdischer Komponisten begleitet, gespielt vom Blechbläserensemble „Märkisch Brass". Auch ein Deutschkursus der Jahrgangsstufe 11 hatte sich für die Gedenkveranstaltung mit der Geschichte der Judenverfolgung befasst: Schwarz gekleidet, den gelben „Judenstern" auf der Brust, rezitierten die Schüler Celans „Todesfuge". Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann lobte das Engagement der Schüler. In seiner Ansprache betonte das Stadtoberhaupt, warum es so wichtig sei, gerade bei jungen Menschen die Erinnerung an die Gräuel der Nazizeit wach zu halten: „Die Opfer des 9. November und des Holocaust waren vor allem Opfer von Wegschauenden." Um so dringender sei die ständige Mahnung gegen jede Form von Extremismus und Intoleranz - „gerade in einer Stadt wie Hamm mit über zehn Prozent Ausländeranteil", so der OB. Dechant Heinz Booms ergänzte die Ausführungen des Oberbürgermeisters, indem er auf die Ohnmacht der Deutschen zur Zeit der Nazi-Diktatur hinwies. Er selbst könne sich noch daran erinnern, wie er als Schüler von seinen Eltern keine Antworten auf seine Fragen zu den Geschehnissen des 9. November be- kommen habe. Heute wisse er, dass nur der Dialog zwischen Religionen und Kulturen das friedliche Miteinander garantieren könne. Bereits aus der Bibel könne man lernen, dass es die „gemeinsame Aufgabe" von Juden und Christen sei, friedlich in der Welt zusammen zu leben. Zum Abschluss der Gedenkveranstaltung legten Hunsteger-Petermann und Booms gemeinsam einen Kranz nieder. • jfj

WA vom 11.11.02