Sextanerkrieg in Hamm

BILDUNG Schüler des Märkischen Gymnasiums gingen der Geschichte ihrer Schule und dem Leben im Hammer Westen nach

17.12.02Sichtlich zufrieden mit ihrer Arbeit sind die Schüler des Leistungskurses Geschichte der Jahrgangsstufe 12. • Foto: Allan

HAMM-WESTEN • Wo sonst Mathematik, Geschichte oder Physik auf dem Stundenplan stehen, drehte sich fünf Tage lang alles um den Hammer Westen. Im Rahmen einer Projektwoche gingen die über 100 Schüler der Jahrgangsstufe 12 des Märkischen Gymnasiums dem Bereich Hamms auf den Grund, in dem ihre Schule liegt und in dem die meisten von ihnen leben. Zurückzuführen ist die Projektwoche auf neue Richtlinien des Landes. Diese besagen, dass alle Oberstufenschüler während ihrer Schullaufbahn an einem großen Projekt teilzunehmen haben. Dadurch soll nicht nur das selbst-ständige Lernen gefördert werden. „Ein solches Projekt ist auch eine gute Vorbereitung auf die Facharbeit", erklärte Schulleiter Dr. Hans-Michael Sennewald, dessen Geschichte-Leistungskursus ebenfalls mitgemacht hat. Da sich das Märkische Gymnasium auch gerne als „Stadtteilschule für den Hammer Westen" bezeichnet, lag das Thema der Projektwoche auf der Hand: der Hammer Westen und seine Menschen. Zu diesem Thema wurden zehn Projekte entwickelt.

So wurde in einer Gruppe ein Touristenführer erstellt. Der Teich im Friedrich-Ebert-Park und seine biologischen Messdaten, die Ober-flächenversiegelungen im Hammer Westen, der Englischunterricht an den Grundschulen, die gesell-schaftliche Bedeutung des Vereinslebens, die Kunst, die soziale Entwicklung sowie die Frage „Multi-kulti oder Arbeiterviertel?" waren weitere Themen. Angesichts der bergbaubedingten Erschütterungen hat sich eine weitere Gruppe darangesetzt und einen Seismografen entwickelt. Und die Schüler von Dr. Sennewald haben sich mit dem Umzug des Märkischen Gymnasiums in den Hammer Westen befasst. „Spannend" und „abwechslungsreich" sei die Arbeit gewesen, fanden die Oberstufenschüler. Besonders viel Spaß habe ihnen die Befragung von Zeitzeugen wie dem ehemaligen Schulamtsleiter Horst Hafer gemacht. „Durch die intensive Zusammenarbeit sind wir uns aber auch alle ein Stück näher gekommen", stellte eine Schülern zudem den „sozialen Aspekt" heraus. „Das Thema hat ein hohes Maß an Selbstständigkeit erfordert", freute sich Projekt-leiter Sennewald über das, was die Pennäler nach ihren Recherchen in einer Broschüre zusammengetragen haben. „Spannende Projektwoche" für die Jahrgangsstufe 12 Es war nämlich ein weiter Weg, ehe das Neusprachliche beziehungsweise Märkische Gymnasium vor 29 Jahren von der Hohen Straße in Hamm-Mitte an die Wilhelm-Liebknecht-Straße umziehen konnte. Zuvor fand in Hamm unter anderem der so genannte Sextanerkrieg statt. Er bezeichnete die Auflehnung der Sextanereltern gegen das bestehende Schulsystem der Stadt Hamm und resultierte aus der übergroßen Anzahl von Bewerbungen für die 5. Klasse an höheren Schulen. Doch anfangs sträubten sich die Ratsherren und zogen den Neubau eines Krankenhauses dem einer Schule vor. Erst auf Grund der gesellschaftlichen Neuordnung, hervorgerufen durch die Studentenbewegung, erfolgte ein Umdenken. In Anlehnung an die individuelle Freiheit entstanden Grundüberlegungen zur Chancengleichheit als auch zu grundsätzlichen Verbesserungen im Bildungssystem. Eine Notwendigkeit wurde auch in der Förderung von Kindern aus Arbeiterund Migrantenfamilien geselten. Diese sollten nun chancengleich dazu animiert werden, verstärkt Gymnasien zu frequentieren, um einer kommenden Bildungskatastrophe entgegen zu wirken. Durch die Publikation „Die deutsche Bildungs-katastrophe" von Georg Picht bekam das Bildungswesen wieder einen höheren Stellenwert. Gleichzeitig wurde dadurch ein Bildungsboom ausgelöst. „Und als Folge dieses Umschwungs sind schlussendlich auch der Neubau und die Wahl des neuen Standorts unserer Schule einzuordnen", so das Resümee der Schüler. • stg

WA vom 17.12.02