Die alte Penne wird ganz neu

Abitur in zwölf Jahren: freiere Schulen, strengere Prüfungen

16.03.05li: Hanns-Michael Sennewald, Schulleiter am Märkischen Gymnasium, Mitte:Monika Siegert, Leiterin der Friedensschule(Gesamtschule), re: Manfred Trost, stellvertretender Schulleiter am Beisenkamp. Fotos: Wiemer u. Rother

Hamm (cms/mig). „Stellen Sie sich vor, Sie bekommen für eine Woche den Plan, was Sie kochen sollen, mit allen Zutaten samt Mengenangaben und Rezept", sagt Manfred Trost, stellvertretender Schulleiter am Beisenkamp-Gymnasium, „und jetzt wird nur noch das Gericht vorgegeben, das mittags auf dem Tisch stehen soll." Trost veranschaulicht den Kern der Reform, mit der das neue NRW-Schulgesetz das „Abitur nach zwölf Jahren" ermöglichen soll. Ab kommendem Schuljahr gibt es keine detaillierten Lehrpläne mehr, sondern Vorgaben, welche Kompetenzen die Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt erworben haben sollen. So wird die Umsetzung der Reform den Schulen überlassen, das Ministerium gibt den Rahmen vor. Statt: In Klasse Acht ist der Satz des Pythagoras dran, heißt es jetzt: Am Ende der achten Klasse müssen die Schüler die Geometrie des Dreiecks beherrschen.

Grundsätzlich haben die Schulen künftig wesentlich mehr Freiheiten. Sie können unterrichten, wie sie wollen, Lerninhalte verschieben, Projekte anstoßen oder Arbeitsgemeinschaften ins Leben rufen. Am Ende aber müssen die Schüler überall dieselben Kompetenzen erworben haben - ein Mindest-"Lernstand". Die Qualität des Unterrichts der Schulen wird geprüft - mit „Qualitätskontrollen". Am Ende der siebten Klasse testen die Schulen sich noch selbst. Am Ende der neunten Klasse wird in ganz Nordrhein-Westfalen einheitlich eine „Lemstandserhebung" durchgeführt, und am Ende der zehnten Klassen steht die Abschlussprüfung, die über den weiteren Schulweg des Schülers entscheidet. „Sind die Ergebnisse einer Schule deutlich unter dem Durchschnitt, so steht eine Beratung durch das Ministerium an", sagt Hanns-Michael Sennewald, Leiter des Märkischen Gymnasiums. „Abitur in zwölf Jahren war schon lange im Gespräch, aber die Verabschiedung kam jetzt doch plötzlich. Das stellt uns vor große organisatorische Probleme", sagt Monika Siegert, Leiterin der Gesamtschule Friedensschule. Auch Trost ist nicht begeistert: „Das einzige Offizielle, das wir bis jetzt haben, ist eine DIN A 4-Seite, auf der die Stunden-Summen der einzelnen Fächer", sagt er. Beide sind aber optimistisch. Trosts Beisenkamp hat den Premierenjahrgang, die Klasse fünf, die im August startet, organisatorisch bereits im Griff, und Monika Siegert ist ebenfalls gelassen: „Wir fangen mit der Klasse fünf an, haben dabei die Klasse sechs im Blick und arbeiten uns Jahrgangsstufe für Jahrgangsstufe vor." Die Meinungen gehen auseinander: Die einen begrüßen die Reform, andere sind skeptisch. „Wir haben ja bereits Erfahrungen mit dem Abitur nach zwölf Jahren", sagt Hanns-Michael Sennewald, Schulleiter am Märkischen Gymnasium. Vor vier Jahren eröffnete die Lehranstalt ihren Schülern die Möglichkeit, ein Jahr in „Profilklassen" zu überspringen. Diese Klassen wurden für die siebte Jahrgangsstufe gebildet, blieben bis zur Zehn zusammen und sprangen von dort gleich in die Zwölf. „Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass die Schüler das in breiter Front schaffen", sagt Sennewald. Mit dem Unterschied, dass man bereits in der Fünf auf den Wegfall der Elf hinarbeitet. Unterrichtsstoff der Klasse elf wird in die Zehn vorgezogen oder in die Zwölf geschoben - und die Elf fällt einfach weg. Gleichzeitig, so erläutert Rudolf Hamburger, leitender Regierungsschuldirektor der Schulaufsicht in Arnsberg, werden die Lehrpläne überarbeitet und entfrachtet. Eine Schulverkürzung, so eine Pressemitteilung des Düsseldorfer Schulministeriums, „muss eine Konzentration auf das Wesentliche bedeuten und nicht, dass die Schüler und Schülerinnen in kürzerer Zeit genauso viel Stoff durchnehmen müssten wie zuvor." Trotzdem: In den Klassen fünf bis zehn werden mehr Stunden auf dem Wochenstundenplan stehen als bisher. Abitur in zwölf Jahren - das bedeutet nicht nur, was sich viele Schüler wünschen: ein Jahr Penne weniger. „Das reine Halbtagssystem, so wie wir es hier haben, wird es so nicht mehr geben", sagt Manfred Trost, stellvertretender Schulleiter am Beisenkamp-Gymnasium. Orientierungsphase: Nur zur Orientierung? Die Reform beginnt in den fünften Klassen, die nach den Sommerferien gebildet werden. Da diese Schüler und Schülerinnen bereits seit zwei Jahren Englisch lernen, bringen sie die Voraussetzungen dafür mit, dass die zweite Fremdsprache bereits in der sechsten Klasse hinzu kommt. Die Folge: In den eigentlich „Orientierungsphase" genannten Klassen fünf und sechs beginnt bereits nach einem Jahr der Ernst des Schullebens. Schüler früh trennen oder lange zusammen lassen? Friedensschulleiterin Monika Siegert findet das bedenklich. „Das führt dazu, dass die Schüler früher selektiert werden", sagt sie und spielt damit auf Ergebnisse der Pisa-Studie an, nach der eine spätere Trennung der Klassenverbände bessere Ergebnisse bringt" Gymnasiumsleiter Sennewald sieht das anders: „Lernhomogene Gruppen lernen besser als heterogene Gruppen, und natürlich kann ich eine Jahrgangsstufe in kleine homogene Gruppen zerlegen. Aber das ist nicht angedacht", sagt er. Im Gegensatz zu der Gesamtschulleiterin macht sich Sennewald wenig Sorgen um die Klassen fünf und sechs -„dann wird die Orientierungsphase eben realitätsnäher." Seine Kollegen hätten mehrere Besuche in verschiedenen Grundschulen durchgeführt und seien geradezu begeistert darüber, was die Kinder alles schon könnten. Und er sieht vor allem die Chancen, die die Reform bietet: „Die zweite Sprache in der sechsten Klasse nimmt so gerade noch die Lernbegeisterung der Schüler mit. In der siebten Klasse fängt für viele die Pubertät an, und dann haben die Schüler andere Sorgen." Und noch etwas gefällt dem 61-jährigen Pädagogen vom Märkischen Gymnasium: „So kommt wieder mehr Herausforderung in die Schule", sagt er und meint damit auch die Lehrer: „Sie werden ihren Blick mehr auf die Ergebnisse richten müssen." Für manche Schule zeigen sich Probleme der Reform erst bei näherem Hinsehen. Die Friedensschule zum Beispiel hat ihr Profil durch die Einführung von Schwer-punktunterricht geschärft. Der Schwerpunkt „Umwelt" umfasst in der Oberstufe den Leistungskurs Biologie und den Grundkurs Chemie, „Kultur" beinhaltet den Leistungskurs Geschichte und den Grundkurs Kunst, und „Technik" basiert auf dem Leistungskurs Technik und dem Grundkurs Physik. „Die Frage ist: Können wir diese Schwerpunktbildung weiter anbieten?", fragt Friedenschulleiterin Monika Siegert und gibt die geteilte Meinung ihrer Kollegen wieder: „Einige meinen ja, andere dagegen nein." Gesamtschulen können zweigleisig fahren Die Gesamtschulen haben aber ein anderes Pfund, mit dem sie wuchern können. Friedensschule, und Sophie-Scholl-Gesamtschule werden ab kommenden Sommer den Weg zum Abitur sowohl in zwölf als auch in 13 Jahren anbieten. „Es ist allerdings noch nicht klar, ob die Entscheidung zwischen zwölf und 13 Jahren vom Elternwunsch oder von den Noten abhängt", sagt Petra Langenbrink, Abteilungsleitern Jahrgangsstufe elf bis 13 an der Scholl-Schule. Mehr klärt sich womöglich heute: Die Lehrer der Sophie-Scholl-Gesamtschule haben für heute den „pädagogischen Tag" ange¬etzt, an dem die Schüler zuhause lernen und die Lehrer sich über die anstehende Reform beraten. Zweigleisig wird auch die Gesamtschule Friedensschule fahren. Vorteil für Quereinsteiger von Real- oder Hauptschule: Es gibt auf jeden Fall einen 13 Jahre langen Weg zum Abitur, der Sprung auf das Gymnasium wird nicht noch größer. Aber auch an : Gymnasien wird es zusätzliche Klassen für die Quereinsteiger geben - ein Ergänzungsjahr. Das hängt dann allerdings von den Anmeldezahlen ab. Weitere Informationen:

www.bildungsportal.nrw.de/BP/Schule/System/Recht/Vorschriften/Gesetze/SchulG_Text.pdf

www.bildungsportal.nrw.de/BP/Schule/Politik/Vorschriften_iV/APOSI.pdf

Wochenblatt vom 16.03.2005