Ordnung und Harmonie

NACHRUF Erich Lütkenhaus ist nach langer, schwerer Krankheit gestorben

04.11.10Erich Lütkenhaus (1924- 2010) ■ Foto: Szkudlarek

HAMM ■ Erich Lütkenhaus ist tot: Der international renommierte Nestor der Hammer Kunstszene starb in seinem 86. Lebensjahr bereits am Sonntag nach langer, schwerer Krankheit. Schrille, bunte, „laute“ Kunst war nicht das Ding von Erich Lütkenhaus; er setzte auf eher stille Arbeiten in zwei und drei Dimensionen, die ihre volle Wirkung erst entfalten, wenn sich der Betrachter intellektuell mit ihnen auseinandersetzt – und es ihm gelingt, über das Sichtbare hinaus zu denken. Lütkenhaus hat sich als Vertreter der Konkreten Kunst internationale Anerkennung erarbeitet. Diese Richtung gilt als „schwierig“, weil sie sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick erschließt, sondern weil sie den Betrachter fordert: Konkrete Kunst strebt mit meist strenger Formgebung nach Gesetzmäßigkeit und Ordnung, in dialektischer Einheit zugleich aber auch nach Harmonie und Vorbildlichkeit.

Konsequente Kontinuität der künstlerischen Kreativität In seiner künstlerischen Kreativität hat Erich Lütkenhaus bis zum Schluss konsequente Kontinuität bewiesen – bei gleichzeitig bescheidenem persönlichem Auftreten. Nicht er selbst stand im Vordergrund, sondern immer seine Kunst – und zwar bis ins hohe Alter immer gerade die Kunst, die ihn aktuell beschäftigte. Von daher kamen Retrospektiven für ihn nicht in Frage. Auch in dieser Hinsicht war es immer die Konzentration auf das Wesentliche, das ihm am Herzen lag. Gemäß seinem Grundsatz: „Das schöpferische Tun ist eine Möglichkeit menschlicher Entwicklung.“ Konkrete Kunst steht immer in Beziehung zur Veränderung eines Raumes: in zwei Dimensionen, wie in seinen weißen Prägedrucken mit meist geometrischen Formen oder in drei Dimensionen mit meist ausladenden Raum-Installationen. Da waren die in meist konzentrischen Kreisen gehängten oder oder auf den Boden gelegten Holzkugeln, bei denen der Betrachter Teil der Installation wurde, wenn er sie vorsichtig durchschritt und so veränderte. Oder da waren die eisernen Kuben, die in linearer Reihung über das Ende ihrer selbst hinaus zu weisen schienen. Immer waren es die einfachen Mittel, mit denen er Werke von nachhaltiger Ausdruckskraft schuf. Geboren wurde Erich Lütkenhaus 1924 in Dülmen-Hiddingsel. Zunächst verhinderte der Krieg seine Pläne, die er dann aber ab 1947 mit dem Kunststudium an der Werkkunstschule Dortmund doch noch realisierte. Nach dem Abschluss sammelte er 1950/51 in der Werkstatt für Glasmalerei und Mosaik Wilhelm Derix in Düsseldorf wertvolle Erfahrungen für sein späteres Tun. Studien an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg schlossen sich bis 1952 an. Die Pflege internationaler Kontakte war zeitlebens ein Kennzeichen von Erich Lütkenhaus' Aktivitäten: 1963/64 sammelte er völlig neue Erfahrungen in Brüssel, wo er mit belgischen Aluchromisten arbeitete; in dieser Zeit entstanden archetypische Wesen mit deformierten Proportionen. Ein Lehrauftrag im oberösterreichischen Linz 1967/1968 führte zu einer lebenslangen Beziehung mit den dortigen Künstlern, die ihm 1998 die Verleihung der Kulturmedaille des Landes Oberösterreich einbrachte. In Hamm prägte Erich Lütkenhaus nicht nur die lokale Kunstszene, sondern von 1973 bis 1988 als Kunsterzieher am Märkischen Gymnasium auch zahlreiche Schüler-Jahrgänge. Die Jahresgaben, die er von diversen national renommierten Künstlern für die Abitur-Jahrgänge „organisierte“, haben heute Seltenheitswert. Als kreativer „Sozialarbeiter“ verhalf er zudem viele Jahre in der Justizvollzugsanstalt Hamm manchem Inhaftierten zu neuem Lebenssinn. Sein Engagement würdigte die Stadt Hamm 1989 mit der Verleihung des Wappentellers. Internationale und nationale Auszeichnungen 1994 etablierte er mit Hamms polnischer Partnerstadt Kalisz eine „Sommerakademie“, die seitdem in zweijährigem Turnus stattfindet; 2004 erhielt er unter anderem dafür die Verdienstmedaille der Universität Posen, Abteilung Kalisz. Zur langen Liste der Ehrungen gehören außerdem die Ehrenmitgliedschaft im Kunstverein Hamm (1999) und im Westdeutschen Künstlerbund (2000) sowie die Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland im Januar 2001. Der umfangreiche künstlerische Nachlass geht an die Stiftung Kunstfonds, deren Archiv im Gutshof der Abtei Brauweiler in Pulheim bei Köln untergebracht ist. Ziel des Fonds ist es, künstlerisch und historisch relevante Kunstproduktion der jüngeren Vergangenheit zu archivieren, pflegen und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. www.westfalen.trauer.de 

WA vom 04.11.2010