„Ohne Noten sinkt die Arbeitsmoral“

Große Einigkeit bei einer Gymnasiastin, einem Lehrer und einem Vater

180314

HAMM - Wie sieht es mit dem Leistungsdruck in der Schule aus? Müssen Zensuren wirklich sein? Darüber sprachen die yourzz-Reporter Carolin Drees mit Anita Mitzel (18), Schülerin des Märkischen Gymnasiums, Aycha Kalach mit Sebastian Eßner, Lehrer für Deutsch, Englisch und Literatur am Märkischen Gymnasium, und Johanna Rubbert mit ihrem Vater Josef Rubbert (53).

Welche Vor- und Nachteilegibt es, wenn die Leistungen in der Schule nicht mehr benotet werden?
Anita:
Ein großer Vorteil ist, dass sich der Arbeitgeber später ein eigenes Bild von dem Bewerber machen kann und nicht schon von dem Zeugnis und den Noten beeinflusst wird. So hat jeder die gleichen Chancen. Auf der anderen Seite würden es viele Schüler ausnutzen, Faulheit und fehlende Motivation wären die Folge.

Rubbert: Noten sind sehr wichtig, weil die Schüler sich dadurch richtig einschätzen können. Sie wissen, wo ihre Schwächen sind und können an ihnen arbeiten. Noten spiegeln nicht notwendigerweise die Intelligenz oder den Fleiß wider, außerdem kann eine Note wegen Prüfungsangst schlechter ausfallen als es den Leistungen des Schülers entspricht.
Eßner: Der Leistungsdruck könnte etwas von den Schülern genommen werden. Im besten Fall werden in der Schülerschaft Diskriminierungen und Mobbing verringert, denn es ist oft so, dass Schüler wegen ihrer zu guten oder zu schlechten Noten diskriminiert werden. Ein Nachteil wäre, dass die Schüler nicht mehr arbeiten würden, denn sie werden für ihr Tun nicht mehr bewertet und bekommen keine Rückmeldung.
Würden sich die Leistungen der Schüler verbessern oder eher verschlechtern, wenn sie nicht unter Druck gesetzt werden?
Rubbert: Die Leistungen können sich nur durch Noten verbessern, weil die Motivation zum Lernen da ist und sie auf die Belohnung ihres Fleißes hinarbeiten. Außerdem wiederholen die Schüler den Unterrichtsstoff nur, wenn er in Arbeiten oder Tests abgefragt wird. Ohne Noten würde die Arbeitsmoral deutlich geringer sein. Aber manche Schüler versagen an dem Leistungsdruck, wenn sie selber oder die Eltern zu viel von ihnen erwarten. Es könnte auch ein Konkurrenzkampf zwischen den Schülern entstehen, der oft auch in dem Mobben von besonders guten oder schlechten Schülern endet.
Eßner: Ohne Noten könnte im günstigsten Fall etwas wie eine intrinsische Motivation für die Kinder auftreten – das bedeutet, der Lernstoff motiviert den Schüler und er lernt nicht für die Note, sondern weil ihn der Stoff interessiert. Allgemein würde ich sagen, dass die Noten sich aber verschlechtern würden.
Anita: Meiner Meinung nach würden sich die Leistungen eindeutig verschlechtern. Ohne Druck würden viele Schüler nichts mehr für die Schule tun und sich wesentlich schneller von anderen Dingen ablenken lassen.
Was für Konsequenzen könnte ein Schulleben ohne Noten auf dem Arbeitsmarkt haben?
Eßner: Ich würde sagen, dass es bei Vorstellungsgesprächen in erster Linie auf den Abschluss ankommt und nicht auf die Noten. Ich gehe davon aus, dass ein Personalchef sich sein eigenes Bild von den Leistungen der Schüler macht, durch entsprechende Tests und durch das Gespräch. Von daher sind die Noten nicht so relevant.
Anita: Das Problem wäre eindeutig, dass der Arbeitgeber nicht mehr im Vorfeld aussortieren könnte, welcher Bewerber etwas für seinen Betrieb ist und welcher nicht. Er würde keinen Eindruck davon bekommen, wie diszipliniert der Bewerber oder wie gut sein Allgemeinwissen ist, ohne mit ihm zu sprechen. Natürlich werden auch jetzt schon Einstellungstests durchgeführt, aber wenn es keine Noten mehr geben würde, müssten diese Tests noch intensiver durchgeführt werden. Die Folge wäre, dass das Bewerbungs- und Auswahlverfahren noch länger dauern würde.
Rubbert: Fast alle Arbeitgeber führen bei der Bewerbung eine Vorselektion durch Noten durch. So werden vielleicht manche Schüler vernachlässigt, die wegen sozialem Verhalten ein besseres Gesamtpaket liefern. Andererseits ist eine Auswahl ohne Noten schwierig. Außerdem wäre es problematisch, wenn die Schüler nie durch Noten bewertet wurden, weil die Gefahr besteht, dass sie sich vollkommen falsch einschätzen. Wenn Jugendliche nie mit Prüfungen in Kontakt gekommen sind, werden sie in fast allen Berufen große Schwierigkeiten haben.

WA vom 19.032014