„Künstler fallen selten auf“

Kunstlehrerin Ulrike Jost-Westendorf über die Beurteilung von Kreativität

28012016HAMM. Seit elf Jahren arbeitet Ulrike Jost-Westendorf inzwischen als Lehrerin am Märkischen Gymnasium Hamm (MGH). Ihre Fächerkombination: Sport und Kunst. Und gerade letzteres hat sie bereits in ihrer eigenen Jugend fasziniert. „Ich wollte mein Wissen nach außen tragen und anderen etwas beibringen", erklärte sie. Warum Kreativität alleine nicht zu bewerten ist und wie sie diese Hürde trotzdem täglich meistert, erfuhr yourzz-Reporterin Carolin Drees im Interview.

Wieso haben Sie sich dazu entschieden, das Fach Kunst zu unterrichten? Was fasziniert Sie daran?
Jost-Westendorf: Ich habe mich von klein auf für Kunst interessiert und schon in meiner eigenen Schulzeit in der Oberstufe einen Portrait-Zeichenkurs in der Projektwoche gegeben. Für mich kam es nie infrage, nur als Künstlerin nur in meinem Atelier zu arbeiten. Ich wollte mein Wissen nach außen tragen. Schüler geben einem im Unterricht eine Menge zurück. Manchmal inspirieren sie mich sogar zu neuen Ideen. Ich habe erst im Studium gelernt, Kunst anders wahrzunehmen. Das möchte ich möglichst frühzeitig bei meinen Schülern erreichen.

Wie beliebt ist das Fach bei Ihren Schülern?
Jost-Westendorf: Gerade in der Unter- und Mittelstufe ist Kunst beliebt. Es ist einfach ein entspanntes Fach, in dem man auch mal plaudern darf und es kann durchaus meditativ sein. Das bringt Ruhe in den ganzen Schulalltag. Ich schätze, in der Oberstufe liegt die Quote eher bei 50 zu 50.

Fällt es Ihnen schwer, die Kunst Ihrer Schüler zu bewerten?
Jost-Westendorf: Das ist auf jeden Fall nicht meine Lieblingsaufgabe. Aber die Schüler fordern das ein. Im Studium habe ich auch nicht gelernt, wie genau ein Bild zu bewerten ist. Das habe ich mir erst im Laufe meiner Laufbahn als Lehrerin angeeignet. Bei anderen Kunsterziehern kann das anders sein.

Nach welchen Kriterien legen Sie die Noten fest? Picasso und Co. finden immerhin auch nicht alle toll.
Jost-Westendorf: Kreativität kann meiner Meinung nach nicht benotet werden. Dabei kommt es immer auf den eigenen Geschmack an und genau den will ich aus der Benotung rauslassen. Ich erarbeite im Unterricht gemeinsam mit den Schülern ein Thema und vor allem auch Kriterien, auf die sie beim Malen oder Zeichnen achten. Und ich nehme mir für die Benotung vor allem Zeit. Dadurch erhält meine Notengebung eine gewisse Transparenz, die für die Schüler wichtig ist. Natürlich kann mir ein Bild richtig gut gefallen, arbeite ich die Kriterien aber ab und stelle fest, dass der Schüler diese nicht erfüllt hat, ziehe ich Punkte ab. Andererseits kann mir ein Bild überhaupt nicht gefallen, aber die Kriterien sind dennoch so gut umgesetzt worden, dass es eine gute Note dafür gibt.

Was macht ein schönes oder gutes, vielleicht sogar perfektes Bild aus? Kann dieses jeder zustande bringen?
Jost-Westendorf: Das liegt immer im Auge des Betrachters. Deshalb gibt es DAS perfekte Bild für mich auch nicht. Jeder hat seine Vorlieben. So kann es passieren, dass der Betrachter ein Bild richtig klasse findet und der Künstler selber damit gar nicht zufrieden ist. Manchmal muss sich das Verständnis dafür aber auch entwickeln. Der abstrakten Kunst konnte ich zum Beispiel erst im Studium etwas abgewinnen.

Kommt es häufig vor, dass Sie wirklich Talente in Ihren Kursen finden?
Jost-Westendorf: Es gibt oft welche, die ganz gut malen, zeichnen oder plastisch arbeiten können. Aber wirkliche Talente so wie derzeit gibt es selten. Gerade erst überraschten mich zwei Schülerinnen mit ihrer technischen Perfektion.

Mit diesen Schülerinnen wollen Sie auch eine Vernissage in den Räumlichkeiten des MGH veranstalten. Wieso unterstützen Sie Ihre Schüler bei solchen Projekten?
Jost-Westendorf: Sportler bringen ihre Pokale mit nach Hause, Musiker können auch bei Veranstaltungen zeigen, was sie können. Künstler fallen hingegen selten auf. Ich finde aber, dass man auch dieses Können wertschätzen und nach außen tragen sollte. Ich hätte mich damals gefreut, wenn mir jemand die Möglichkeit gegeben hätte, meine Kunst zu zeigen. Wir stellen häufig Sachen von Schülerinnen und Schülern in der Schule aus, einfach um ihnen zu zeigen, was das für ein Gefühl ist, wenn das eigene Bild von jedem wahrgenommen wird, und meistens sind sie auch total begeistert.

WA vom 28.01.2016