Gymnasien werben um Realschüler

Schulen reagieren auf geänderte Schulwahl von Zehntklässlern

11112016.1Von Torsten Haarmann
HAMM„ Stell dir vor, du hast einen Q-Vermerk und weißt nicht, wie viele Türen er dir für deine Zukunft öffnen kann. Möglicherweise mehr als du denkst..." So geht es offenbar einer Reihe von Haupt- und vor allem Realschülern nach ihrem Schulabschluss. Durch gute Leistungen haben sie den Qualifikationsvermerk erlangt und dürfen eine gymnasiale Oberstufe besuchen. „Cool", mag der eine oder andere sagen, hat aber weniger das Gymnasium im Blick. Aus purer Unwissenheit? Dagegen gehen die sechs Hammer Gymnasien vor, verstärken jetzt ihre gemeinsame Initiative, unter anderem mit einem Flyer und einer Internetseite: Aus „cool" wird „Q-ool.com".

Das „Q" für Q-Vermerk, das „ool" für School ist der Wegweiser für Quereinsteiger, „um richtig durchzustarten", wie es heißt. Auf sperrige Schlagwörter aus der Pädagogik, mit denen ein Zehntklässler kaum etwas anfangen kann, haben die Hammer Gymnasien bewusst verzichtet.

11112016.2„Wir haben versucht, den Flyer in eine Sprache zu übersetzen, die die Jugendlichen verstehen", sagt Thomas Kasselmann, Leiter des Freiherrvom-Stein-Gymnasiums. Und wenn er vom Abitur als „Green-Card für alles, was nach der Schule kommen kann" spricht, dürften die jungen Menschen eher Bescheid wissen. Die Schulleitungen haben den Eindruck, dass sich viele Quereinsteiger aus Unwissenheit oder Halbwissen Chancen für das Leben verbauen könnten, die ihnen aber ein Gymnasien eröffnen kann. „Wir haben auf Abendveranstaltungen festgestellt, wie wir wahrgenommen werden", sagt Andrea Behm vom Beisenkamp. „Es wird häufig nicht gesehen, dass wir eine zweite Einstiegsstelle haben" – neben der fünften Klasse, die in der Oberstufe. Die Initiative ist mit dem Ziel angetreten, die Möglichkeiten, Perspektiven und Chancen am Gymnasium heraus- und klarzustellen. „Wir glauben, dass das Gymnasium für mehr Schüler interessant sein kann, als momentan von der Realschule zu uns wechseln", meint Kasselmann. Der Schulleiter des Märkischen, Florian Rösner, weiß um die Unsicherheit der Quereinsteiger, um ihre diffuse Angst vor einem Leistungsdruck und bestärkt sie: „Wir wollen deutlich machen: Das Abitur am Gymnasium ist nichts Abgehobenes." „Wir wollen Ängste nehmen", erklärt sein Kollege Reinhard Lapornik-Jürgens vom Galilei. Quereinsteiger seien „sehr erfolgreich". „Wir verstehen unsere Initiative als Ermutigung: Wir trauen euch das zu und unterstützen euch dabei", sagt er über Förderungen und in Richtung potenzieller Quereinsteiger – siehe Infokasten. Apropos Perspektiven: Eines Berufsziels bedarf es nicht, wenn's aufs Gymnasium geht. „Man redet immer vom Zwang der frühen Entscheidung", sagt Kasselmann und winkt ab. Denn genau für eine solche Orientierung und Selbstfindung wollen die Gymnasien den Schülern Zeit geben. „Sie können Erfahrungen sammeln." Lapornik-Jürgens spricht von Bildung, „um die Persönlichkeit reifen zu lassen", zu lernen „wie man sich in die Gesellschaft einbringen kann", den „Blick zu öffnen". Die Einführungsphase – kurz EF oder die Klasse 10 – bezeichnet Behm dabei als „Gelenkstelle, um sich zu erproben. Sie ist ein Vorteil des Gymnasiums", sagt sie. Schüler müssen sich nicht gleich auf einen Bildungsgang festlegen." Gepaart mit der Vielfalt an Angeboten und Schwerpunkten sehen darin die Schulleitungen die Stärken des Gymnasiums – als möglicher, aber nicht alleiniger Weg einer gymnasialen Oberstufe. „Wir wollen mit der Initiative nicht gegen eine Schulform agieren", betont Behm. Ganz im Gegenteil, die besonderen Qualitäten des Gymnasiums sollen herausgestellt werden. „Vielleicht haben wir als Direktoren versäumt, sie präsent zu machen, dass wir vielfältig sind und Quereinsteiger mitnehmen." Das publik zu machen, bedarf eines professionellen Auftritts, wie durch den Flyer. Für die jüngste Aktion fand die Initiative einen Sponsor, der selbst ein starkes Interesse an mehr Abiturienten hat: die Akademische Gesellschaft Hamm. Sie unterstützte mit 1500 Euro. „Bislang hatten wir einen Schwerpunkt auf Hochschulen und Studierende", sagt ihr Vorsitzender Markus Kreuz. Den Aspekt der Quereinsteiger habe die Gesellschaft zwar im Blick gehabt, nur bislang sei nichts geplant gewesen. Salopp bezeichnet er die Gymnasien als „Zulieferbetrieb" für die Hochschulen und verdeutlicht damit das Interesse an der Arbeit der Initiative. Die werde, so Kasselmann, breit aufgestellt. Wichtig sei, erst einmal „ins Gespräch zu kommen". www.q-ool.com

Zehntklässler bevorzugen Kollegs
Wer mit einer solchen Initiative, wie die der sechs Hammer Gymnasien, startet, muss irgendwo ein Potenzial für weitere Schüler für die eigenen gymnasialen Oberstufen erkennen. Es geht um einen nicht näher bestimmbaren, aber nach Ansicht der Gymnasien sicherlich vorhandenen Anteil an insgesamt etwas mehr als 500 Schülern stadtweit, für die die Struktur der Gymnasien passend wäre – nicht näher bestimmbar, weil es keine entsprechenden Abfragen oder Untersuchungen gibt. Die absoluten Zahlen liefert die Schulstatistik für das Schuljahr 2016/17. Vor allem sind es die Realschüler, von denen allein 306 mit ihrem Q-Vermerk an den drei Hammer Berufskollegs die Fachhochschulreife anstreben, gefolgt von 112 Haupt- und 106 Gesamtschülern. Bei der Gymnasialen Oberstufe beziehungsweise Eingangsstufe wird es noch deutlicher. 110 Schüler kommen von Real- und nur vier von Hauptschulen. Sie bilden mit 112 Real- und 32 Hauptschülern auch die mit Abstand größten Gruppen von Quereinsteigern an den Gymnasien und an den beiden Gesamtschulen. Das Märkische Gymnasium ist mit 49 Realschülern Spitzenreiter bei den Quereinsteigern. Das sind rund 60 Prozent der Gruppe an den sechs Gymnasien. Nur dort sind auch Hauptschüler in der Einführungsphase, nämlich nur acht. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Schüler, die zum (Fach)Abitur das Gymnasium verlassen haben, insgesamt 69 wechselten zu einem Berufskolleg.

WA vom 11.11.2016