Deutsch lernen fürs Abitur

Am Märkischen Gymnasium besuchen viele Flüchtlinge die „Internationale Klasse"

20012017.3HAMM-WESTEN.  Als einziges Gymnasium in Hamm hat das Märkische Gymnasium seit Beginn des vergangenen Schuljahres eine Sprachförderklasse. Junge Flüchtlinge, die durch hervorragende schulische Leistungen in ihrer Heimat aufgefallen sind, zum größten Teil aber kein Wort Deutsch sprechen, erhalten hier bis zu 14 Stunden in der Woche Deutschunterricht. „Denn auch ihnen möchten wir die Gelegenheit geben, das Abitur zu machen. Doch dazu müssen sie relativ schnell Deutsch lernen", erklärt Schulleiter Florian Rösner. Was im Kindergarten oder auch in der Grundschule für viele Flüchtlingskinder kein großes Problem ist, gestaltet sich in den weiterführenden Schulen schon schwieriger.

Denn je älter sie sind, um so mehr Unterrichtsstoff müssen die Flüchtlinge gegenüber ihren Mitschülern aufholen, um den Anschluss nicht ganz zu verlieren. Najah Hadidi, die derzeit auf Probe die Einführungsphase des Märkischen Gymnasiums besucht, weiß davon ein Lied zu singen: Mit ihrem Bruder und ihrem Onkel kam die Syrerin, die zuletzt eine Cambridge-Schule in Saudi-Arabien besucht hat, Anfang 2016 nach Deutschland. Seit April geht sie auf das Märkische Gymnasium. „Die schulischen Leistungen in ihrer Heimat waren hervorragend", erinnert sich Rösner. Und auch ihr Wille, das Abitur zu machen, sei da. Das Problem: Bei ihrer Ankunft hat die heute 18-Jährige kein Wort Deutsch gesprochen. In Fächern wie Sport, Englisch, Kunst oder auch in Naturwissenschaften – hier bekommt sie die Aufgaben teilweise auf Englisch gestellt – ist das auch nicht das Problem. „Schwierig wird es in Fächern wie Deutsch, Geschichte oder Philosophie, in denen sehr viel gesprochen und geschrieben wird." Und daher bekommen Najah Hadidi und die 30 anderen so genannten Seiteneinsteiger aus Ländern wie Syrien, Mazedonien und dem Irak, die der Schule vom Kommunalen Integrationszentrum zugewiesen wurden, intensiven Förderunterricht. „In der Regel sind das zwölf bis 14 Stunden Deutsch in der Woche. Je nach Leistungsstand bekommt jeder eine spezielle Förderung", so Ariane Fingerhut, die für die „Internationale Klasse" am MGH zuständig ist. Die übrige Zeit nehmen sie am Unterricht ihrer Klasse beziehungsweise Jahrgangsstufe teil. Bis zu 14 Stunden Deutschunterricht Ihr und Schulleiter Florian Rösner ist es besonders wichtig, dass die Flüchtlingskinder an das Abitur herangeführt werden – und es auch schaffen. „Alles andere sehen sie als persönlichen Misserfolg." Und das wiederum sei ein schwerer Rückschlag bei ihrer Integration, so Rösner. In den letzten eineinhalb Jahren hätten etwa 20 Prozent der Flüchtlinge die Schule wieder verlassen müssen. Solche Probleme hat Najah Hadidi derzeit noch nicht. Sie sei schon sehr gut in die Jahrgangsstufe integriert, sagt ihr Lehrer Cristian Nyisztor. Und auch die 18-Jährige selbst, deren Lieblingsfach Physik ist und die später einmal Ingenieurwesen studieren möchte, fühlt sich am Märkischen sehr wohl. Und nicht nur das: Um ihre sprachlichen Defizite möglichst rasch zu beheben, lernt die 18-Jährige auch außerhalb der Schule Deutsch. Der Koordinator für ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit für die Stadt, Heinz-Willi Holthoff (Caritas-Verband), hat ihr mit Heinrich Beumer einen pensionierten Lehrer vermitteln können, der mit der 18-Jährigen an etwa sechs Stunden in der Woche Deutsch paukt. Holthoff würde sich sehr freuen, wenn sich auch andere pensionierte Lehrer finden würden, um mit Flüchtlingskindern auch über die Schule hinaus Deutsch zu lernen. Denn, und darin ist er sich mit Rösner einig: „Sprache ist der Schlüssel zu Integration und zum beruflichen Erfolg." Mit dazu betragen, dass Najah Hadidi der Weg zum Abitur geebnet wird, will auch der Förderverein des Märkischen Gymnasiums. Er hat der 18-Jährigen zur Unterstützung des Deutschunterrichts und ihrer schulischen Arbeit ein Laptop zur Verfügung gestellt, gespendet von der Firma Trading-Point.

WA vom 20.01.2017

Von Stefan Gehre