Von einem Schüler denunziert

Der frühere MGH-Leiter Dr. Johannes Junker zeigte Flagge gegen Nazis und kommt jetzt zu Ehren

291218HAMM-WESTEN ~ Im Neubauge­biet Auf der Geist wird die südli­che Stichstraße nach Dr. Johan­nes Junker benannt. Der Ober­studiendirektor war von 1924 bis 1941 Leiter des Märkischen Gymnasiums und wurde wegen seiner ablehnenden Haltung ge­genüber dem Nationalsozialis­mus von einem seiner Schüler denunziert und schließlich vom Regime seines Amtes enthoben.

In den Festschriften zum 125-sowie zum 150-jährigen Be­stehen der Schule würdigt das MGH das Wirken seines ehemaligen Leiters, dessen „konsequenter Führungsstil bei den Kollegen aber nicht immer auf uneingeschränkte und freudige Zustimmung stieß. Dies störte aber nie die prinzipielle Übereinstimmung in der erzieherischen Zielsetzung auf der Grundla­ge eines vom Kollegium nie in Frage gestellten Wertesys­tems".

291218aNach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 hielt Junker sich nicht mit seiner Meinung zu­rück, wenn es galt, ideolo­gisch gefärbte und unwissen­schaftliche Aussagen seiner Vorgesetzten zu bewerten. Unter anderem wies Junker die antichristlichen Thesen von Alfred Rosenberg – er war ein führender Ideologe der NSDAP – in dem Buch „Mythos des 20. Jahrhun­derts" zurück. Mit aller Kraft widersetzte Junker sich zu­dem dem Abbau der Allge­meinbildung, die von den neuen Bildungspolitikern als „Intellektualismus" verpönt und lächerlich gemacht wur­de.

Seine kritische Haltung ging allerdings nicht so weit, wie in der Festschrift „125 Jahre MGH" nachzulesen ist, dass Junker sich offen gewei­gert hätte, Erlasse und Verfü­gungen der Schulaufsichtsbe­hörde oder Anordnungen der städtischen Schulverwaltung durchzuführen. „Er ließ es sich aber auch nicht nehmen, sie auf seine Weise zu inter­pretieren."

Obwohl die Behörden Jun­ker längst auf dem Kieker hatten, ließ er sich in seiner Prinzipientreue nicht beir­ren. Am deutlichsten wurde dies bei der morgendlichen Begrüßung. Einer seiner ehe­maligen Schüler, der spätere Hammonense-Lehrer Antoni-us Ringhoff, konnte sich noch gut daran erinnern, wie Junker sich stets weigerte, seine Klasse mit dem obliga­torischen „Heil Hitler" zu be­grüßen und stattdessen ein­fach „Guten Morgen" sagte. „Dann lief er schon wutrot an, wenn er den Titel unseres Geschichtsbuchs ,Volk und Führer' sah und benutzte dies als Aufhänger für antinatio­nalsozialistische Ausbrüche." Er habe geschrien, dass man sich weigern sollte, so etwas noch zu unterrichten und habe die Nazis eine „Mörder­bande" genannt – und das al­les öffentlich vor rund 40 Schülern, unter denen sich auch HJ-Führer befanden. „Nachdem er den Raum ver­lassen hatte, entstand ein großer Aufruhr in der Klasse. Einige wollten ihn anzeigen, jedoch empfanden alle eine große Bewunderung für ihn." Später sei er dann vermutlich von einem seiner Schüler de­nunziert und als Direktor ab­gesetzt worden.

Nach langwierigen Untersu­chungen wurde Junker schließlich der Prozess ge­macht, aber die Zeugen wa­ren nicht mehr bereit, ihre Aussagen eindeutig zu be­kräftigen. Später wurde der Prozess eingestellt und die Anklage fallengelassen. In den Schuldienst durfte er dennoch nicht mehr zurück­kehren. Seine Rehabilitation sollte er nicht mehr erleben: Dr. Johannes Junker starb, ge­sundheitlich schwer ange­schlagen, am 22. März 1945 in Weimar.

WA vom 29.12.2018/Stefan Gehre