Vom Flüchtling zum Lehrer am MGH

Hani Adwan (33) ist einer der ersten syrischen Flüchtlinge in NRW, die als Lehrer arbeiten

2019.11.21a

Hamm – Dort, wo er gelebt und unterrichtet hat, ist heute nichts mehr, wie es war: Zu Hunderttausenden sind die Menschen vor Krieg und Terror aus Syrien geflüchtet. Als Hani Adwan, Palästinenser aus Damaskus, 2016 nach Deutschland kam, verstand er die Sprache nicht, stand vor dem Nichts. Nun hat der 33-Jährige eine neue Perspektive: Er kann wieder in seinem erlernten Beruf als Lehrer arbeiten. Adwan ist einer der ersten Absolventen der Ruhr-Universität Bochum, die das Programm "Lehrkräfte Plus“ absolviert haben. Am Märkischen Gymnasium Hamm (MGH) unterrichtet er als Vertretungslehrer seit Beginn dieses Schuljahres Chemie.

Gerade einmal zwei Jahre hat Adwan nach vier Jahren Studium in einer Schule in Damaskus Chemie und Physik unterrichtet – eine Schule, die mit denen in Deutschland kaum etwas gemeinsam hat: In seiner Klasse waren nur Jungen. Sie trugen alle Schuluniform und mussten regelmäßig die syrische Hymne singen. Die Herrscherfamilie Assad war allgegenwärtig.

„Sogar auf den Zeugnissen“, sagt Adwan. 45 bis 50 Kinder waren in einer Klasse. Auch der Unterricht selbst war anders. In Syrien habe er doziert, kaum Experimente durchgeführt. Problemlösungen seien auch nicht von den Schülern selbstständig erarbeitet worden.

Über Bayern führte ihn sein Weg Anfang 2016 nach Hamm. Dort lebten bereits seine Eltern, ebenfalls Flüchtlinge. Adwan hielt sich durch kleinere Tätigkeiten unter anderem bei der Caritas über Wasser und lernte Deutsch.
Sein Traum, wieder unterrichten zu können, schien in weite Ferne gerückt zu sein – wegen der Sprache, aber auch, weil seine Abschlüsse nicht anerkannt wurden.

Ein Besuch im Jobcenter brachte die Wende: Eine Sachbearbeiterin habe ihn auf das Programm „Lehrkräfte Plus“ an den Universitäten in Bochum und Bielefeld hingewiesen. Doch die Hürden waren hoch. Allein im Jahrgang 2018/19 gab es in Bochum für 25 Plätze insgesamt 470 Bewerbungen – von geflüchteten Lehrkräften vor allem aus Syrien, aber auch aus der Türkei, Iran und Irak. Die Bewerber mussten Sprachkenntnisse und Referenzen vorweisen, sich in Auswahlgesprächen beweisen. Adwan setzte sich durch, wurde im Frühjahr 2018 angenommen. Es folgte ein einjähriges Qualifizierungsprogramm. Im Mittelpunkt standen Punkte wie pädagogisch-interkulturelle Inhalte, Infos zum deutschen Schulsystem, Didaktik und Fachdidaktik und natürlich die Sprache. Er sei, wie Adwan sagt, unendlich dankbar, diese Chance bekommen zu haben.

Im März 2019 schloss Adwan das Qualifizierungsprogramm erfolgreich ab. Er begann im August dank eines Pilotprojekts der Bezirksregierung Arnsberg zur Integratetion von Lehrkräften mit Fluchthintergrund (ILF) als Vertretungslehrer am MGH. Inzwischen unterrichtet er elf Stunden in der Woche in den Jahrgangsstufen 7, 8 und EF Chemie. Eine Wochenstunde hospitiert er bei Kollegen, fünf Stunden in der Woche nimmt er an einer Fortbildung zu Methodik und Didaktik in Dortmund teil. Adwan, der bereits gut Deutsch spricht, möchte seine sprachlichen Fähigkeiten weiter verbessern und das Sprachniveau C2 erreichen. Zudem arbeitet er daran, auch als Vertretungslehrer für Physik anerkannt zu werden. „Um später als Lehrer an einem deutschen Gymnasium arbeiten zu können, muss ich zwei Fächer nachweisen.“ Klappt alles, macht er demnächst sein Referendariat und kann dann als „richtiger“ Lehrer arbeiten.

MGH-Schulleiter Florian Rösner hält große Stücke auf seinen neuen Kollegen. Viele Lehrer hätten ihm bestätigt, dass er hervorragend mit Kindern umgehen könne. Da Adwan Arabisch spricht, leiste er an einer multikulturell geprägten Schule wie dem MGH wertvolle Dienste. Etliche Schüler hätten den gleichen kulturellen Hintergrund und ein ähnliches Schicksal erlitten. Das helfe der Schule ungemein und sei der Integration förderlich. „Außerdem unterricht er ein Fach, wo es einen Mangel an Lehrern in unserem Land gibt“, so Rösner.

Anna Wiegers, bis 2011 Lehrerin am MGH, hat das Projekt ILF mitentwickelt. „Wir können es uns in NRW nicht leisten, auf diese Lehrkräfte zu verzichten. Daher sollte es weniger formale Hürden bei der Anerkennung von Abschlüssen oder eine gebündelte Antragstellung geben und weitere Möglichkeiten für Ein-Fach-Lehrkräfte“, sagt sie.

WA vom 21.11.2019