„Die Opferrolle satt“

MGH-Schüler diskutieren mit Regisseur über „Modernen Antisemitismus“

120321.1Hamm-Westen – Dimi, 19, ist den verklemmten Umgang mit Juden und die ewige Opferrolle satt. Mit seiner Geschichte steht er im Mittelpunkt des mehrfach preisgekrönten Kurzfilms „Masel Tov Cocktail“. Arkadij Khaet, neben Mickey Paatzsch einer der beiden Regisseure, sprach in dieser Woche in einer Online-Konferenz mit Schülern der Einführungsphase (EF) des Märkischen Gymnasiums, Lehrerin Dr. Andrea Kolpatzik und Pfarrer Carsten Dietrich von der Evangelischen Kirchengemeinde Pelkum-Wiescherhöfen über Themen wie „Moderner Antisemitismus“ und „Erinnerungskultur“. Es war eine von mehreren Veranstaltungen im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ am MGH.

120321.2Die Schüler, die sich den 30 Minuten dauernden Film im Vorfeld angeschaut hatten, waren voll des Lobes. Zümra betonte, dass es ihr sehr gefallen habe, dass das Leben eines jungen Juden120321.3 in Deutschland aus einer anderen Perspektive gezeigt werde. Andere erkannten sich oder ihre Freunde in den handelnden Personen wieder – Archetypen des deutsch-jüdischen Miteinanders. Kurzum: ein toller, überaus gelungener Film. Daraus entwickelte sich eine rund eineinhalbstündige Diskussion. Khaet, selbst russisch-jüdischer Migrant, erklärte, dass die deutsch-jüdische Geschichte mit dem Holocaust ende. Über die jüdische Kultur oder jüdische Feiertage wüssten die Menschen in Deutschland wenig. Meist werde er zu Gesprächen über die Reichspogramnacht oder anlässlich des Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eingeladen. „Dabei möchte ich nicht nur im Holocaust-Kontext über das jüdische Leben sprechen.“ Sorgen bereiten Khaet die zunehmenden Übergriffe auf Juden in Deutschland, die auch „als Juden zu erkennen sind“. Er selbst entspreche nicht den „klassischen“ Klischees. „Ich trage keine Kippa und habe auch keine Schläfenlocken.“ Daher habe er einen relativ entspannten Alltag. Und dennoch: Auch er werde mit Antisemitismus konfrontiert, wenn auch auf andere Art und Weise. Einige Berichte in den Medien, Bilder, Klischees: Das gehöre für ihn ebenfalls dazu. Auch nach 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland gelten Juden noch immer als fremd und exotisch. Wenn er sich als Jude „oute“, wüssten viele nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen. „Ich habe das Gefühl, ein ständiges Ausstellungsbeiwerk zu sein.“ Der Kampf gegen Antisemitismus sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – nicht nur in Deutschland. „Antisemitismus gibt es überall – auch dort, wo keine Juden leben. Er steckt in der europäischen Gesellschaft, und es braucht lange, ihn herauszutreiben“, sagte er auf Nachfrage von Janik. Pfarrer Dietrich konnte viele Aussagen bestätigen und berichtete von früheren Veranstaltungen im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“. Vor allem jüngere Juden fühlten sich zunehmend genervt, ständig in die Opferrolle gedrängt zu werden. Eine besondere Bedeutung hat für ihn das Thema „Erinnerungskultur“. Khaet und auch Dietrich vermissten bei vielen Menschen, sich mit der eigenen Familiengeschichte zu befassen. Jahrzehntelang sei das Thema der Juden-Verfolgung in Deutschland verschwiegen worden. Erst Ende der 1970er-Jahre mit der Ausstrahlung der US-Serie „Holocaust“ habe es eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema gegeben – mehr als 30 Jahre nach Kriegsende, so Dietrich. Er selbst könne sich noch an ein Gespräch seiner Eltern mit seinen Großeltern – er sei damals noch ein Kind gewesen – erinnern. Sie hätten sie gefragt, ob sie von der Juden-Verfolgung gewusst hätten. Nein, hätten sie damals betont. „Das war ein richtiges Tribunal.“ Für Khaet ist das der richtige Weg: „Die Geschichte wird erst sichtbar vor dem Hintergrund der eigenen Biografie“, sagte er. Allerdings werden in der ganzen Diskussion die Täter außen vor gelassen. Das betonte auch Dietrich, dem die Erinnerungskultur „total wichtig“ ist. „Sie trägt zur Aufklärung bei. (...) Man muss klar kommen damit, dass man möglicherweise ein Nachkomme eines Täters ist. Davon muss man sich erst einmal abspalten und eine eigene Position beziehen.“

WA vom 12.03.2021

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