Bunte Farben statt brauner Parolen

Irmela Mensah-Schramm zu Besuch am MGH / Einsätze auch in Hamm VON STEFAN GEHRE

Hamm-Westen – Sie wurde schon mehrfach bedroht und ist für die Nazis in Deutschland ein Feindbild. Doch dadurch und auch durch die Gerichtsverfahren und Anzeigen wegen Sachbeschädigung, die sie im Laufe der Jahre bekommen hat, lässt sich Irmela Mensah-Schramm nicht entmutigen. Sie werde weitermachen, sagte die Aktivistin aus Berlin beim Besuch des „Anne-Frank-Tages“ am Märkischen Gymnasium. Denn: „Meinungsfreiheit hat Grenzen! Sie endet, wenn Hass und Menschenverachtung beginnen.“

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Die mittlerweile 76-Jährige hat es sich zur Aufgabe gemacht, Nazi-Symbole und fremdenfeindliche Sprüche zu entfernen – beispielsweise von Wänden, Buswartehäuschen und Laternenmasten. Und die Deutschland-Karte, auf der sie viele ihrer bisherigen Einsatzorte markiert hat, zeigte den Schülern des Projektkurses Geschichte der Jahrgangsstufe Q1 und der AG „Schule ohne Rassismus“: Auch in Hamm war Mensah-Schramm bereits unterwegs, um rechte Schmierereien zu beseitigen. „Drei bis vier Mal war ich schon hier“, sagte sie.

Wie viele Symbole und Aufkleber sie in den vergangenen rund 35 Jahren deutschlandweit entfernt hat? So genau könne sie das nicht sagen. Erst 2007 habe sie angefangen zu zählen. Seitdem seien es über 90 000 Aufkleber und tausende Sprüche gewesen.
Denen rückt sie mit Nagellackentferner zu Leibe, übermalt sie einfach oder verändert sie auf kreative Weise, wie das Beispiel „Refugees not welcome“ (Flüchtlinge nicht willkommen) zeigt. Aus dem Wort „not“ habe sie ein Herz gemacht – „Flüchtlinge herzlich willkommen“.

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Die Schüler des Märkischen Gymnasiums und ihre Lehrerin Dr. Andrea Kolpatzik zeigten sich tief beeindruckt von den Schilderungen der 76-Jährigen, zumal viele von ihnen selbst einen Migrationshintergrund haben. Dann wurde sie deutlich: „Die Türken haben die Rolle von den Juden übernommen“, sagte die Aktivistin angesichts der vielen moslem-feindlichen Parolen wie „Fuck Islam“, die ihr immer wieder begegneten. Behinderten- oder schwulenfeindliche Sprüche wie „Schwule raus aus Deutschland“ seien hingegen eher selten. „Auch sie übermale oder beseitige ich.“

Immer wieder wird die 76-Jährige daran aber gehindert, so wie 2020 in Dortmund-Dorstfeld, als sie Neonazi-Schmierereien übermalen wollte. Doch plötzlich rückte die Polizei an, die von Rechten gerufen worden war. Doch das hindere sie nicht daran, weiter ein Zeichen gegen Fremdenhass zu setzen, so die „Sprayer-Oma“ aus Berlin, der sogar vorgeworfen wird, sie habe keine Vorbildfunktion, zeige keine Reue und sei uneinsichtig.

Zur Veranschaulichung ihrer Arbeit hatte Mensah-Schramm den Schülern Fotos von Sprüchen mitgebracht, die ihr in den vergangenen Jahren begegnet sind. Dem schloss sich ein Workshop an, in dem die Schüler dann selbst kreativ werden und ausgewählte Schmierereien abändern konnten – frei nach dem Motto „Mit bunter Farbe gegen braune Parolen“. Bei „Ausländer raus“ beispielsweise wurde aus dem Wort „raus“ eine rote Karte mit „Mensch ist Mensch“ und der Aufforderung, Nazis die rote Karte zu zeigen. Um die „neuen“ Sprüche aus Hamm zu dokumentieren, hat Irmela Mensah-Schramm sie mit nach Berlin genommen. Danach gehen sie zurück ans MGH, wo sie, wie Kolpatzik sagte, ausgestellt werden sollen.

Der Besuch der Berlinerin passte übrigens gut in das vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) geförderte Projekt „Jüdisch hier“, bei dem MGH-Schüler dem modernen Antisemitismus in Hamm und „versteckten“ antisemitischen Sprüchen und Symbolen nachgehen. Dazu gehöre, wie Kolpatzik sagte, zum Beispiel eine Krake, die für die angebliche jüdische Weltverschwörung steht. Man wolle alles während eines Rundgangs durch Hamm dokumentieren.

Beendet wurde der Tag mit einem Vortrag von Dr. Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Auf Basis neuer Studien widmete sie sich dem modernen Antisemitismus als Konglomerat aus arabischem, deutschen und historisch tradierten Stereotypen. Auch hier hätten die Schüler viel mitgenommen, so Kolpatzik. „Wir müssen in den Dialog kommen, um Vorurteile abzubauen“, lautete die Botschaft.
Die Aktivitäten der Schule in diesen Punkten müssen Irmela Mensah-Schramm beeindruckt haben, denn sie bot an, Patin von „Schule ohne Rassismus“ am MGH zu werden – neben Fußball-Nationalspieler Mats Hummels. „Das freut uns sehr“, so Kolpatzik.

WA vom 23.06.2021

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