„Wir warteten auf den Tod“

Holocaust-Überlebende spricht mit Schülern des Märkischen Gymnasiums

Hamm-Westen – Edith „Dita“ Kraus war 13 Jahre alt, als sie von den Nazis deportiert wurde. Als einzige ihrer Familie – ihr Vater und ihre Mutter kamen um – überlebte sie den Holocaust. Am 83. Jahrestag der Reichspogromnacht teilte die 92-Jährige, die live aus Netanja/Israel zugeschaltet war, ihre Erinnerungen mit rund 150 Schülern verschiedener Kurse der Jahrgangsstufen Q1 und Q2 des Märkischen Gymnasiums. Zu dem Gespräch eingeladen hatte die Friedrich-Ebert-Stiftung. Durch solche Veranstaltungen wolle man, wie Prof. Dr. Friedhelm Boll vom Historischen Forschungszentrum der Stiftung erklärte, die Demokratie stärken. Zeitzeugen wie Dita Kraus sei er daher sehr dankbar.

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Reise in die Vergangenheit: Als eine der letztenZeitzeugen erzählte Dita Kraus Schülern des Märkischen Gymnasiumsüber ihre Zeit im KZ.

Edith „Dita“ Kraus, Jahrgang 1929, wuchs als einziges Kind einer jüdischen Familie in Prag auf. 1942 wurde sie mit ihren Eltern ins Ghetto Theresienstadt und von dort Ende 1943 nach Auschwitz deportiert, wo ihr Vater starb. Mit ihrer Mutter kam sie anschließend über Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme bei Hamburg in das KZ Bergen-Belsen, in dem unter anderem Anne Frank starb. Im Frühjahr 1945 wurde das KZ befreit, die Mutter von Dita Kraus starb wenig später. Im Alter von 15 Jahren kehrte sie allein nach Prag zurück und kam bei ihrer Tante – ihr jüdischer Onkel kam in den Gaskammern um – unter. Später emigrierte sie mit Mann und Kind nach Israel. Nach ihrer Mutter Elisabeth Polach wird in Hamburg eine Straße benannt, was Dita Kraus sehr freut. (stg)

Das waren auch Schulleiter Florian Rösner, Mitinitiatorin Dr. Andrea Kolpatzik sowie die Schüler. Sie lauschten gespannt, als Dita Krause aus ihrem Leben erzählte – ein Leben, das anfangs „bequem, ruhig und sorglos war“. Dita Kraus, deren Eltern nicht religiös waren, besuchte in Prag eine deutsche Schule und hatte viele Freunde. Doch mit dem Einmarsch der Wehrmacht am 15. März 1939 änderte sich ihr Leben und das ihrer Familie schlagartig. Ihr Vater wurde entlassen, den Juden immer mehr Rechte entzogen. Die Familie musste auch ihre Wohnung verlassen. „Schließlich durfte ich nicht mehr in die Schule gehen.“

Im November 1942 wurden Dita Kraus und ihre Eltern ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Und auch wenn dort 60 000 Menschen auf engstem Raum lebten und es an vielen Dingen fehlte. „Unser Leben hatte noch ein menschliches Niveau“, sagte sie. Es habe, wenn auch nicht viel, etwas zu essen gegeben, Kranke seien behandelt und Kinder betreut worden. „Und viele hatten eine Arbeit.“
Nach 13 Monaten, Ende 1943, wurde die Familie Kraus ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. „Wir ahnten, dass uns dort etwas Schlimmes erwartet.“ Sehr anschaulich erzählte Dita Kraus den Schülern von ihrem Transport in einem Viehwagen, von Erniedrigungen, die sie erleben mussten, von den Schlägen durch das Wachpersonal, von der gebrauchten KZ-Kleidung, die sie tragen mussten, von den Gaskammern und den Schornsteinen, aus denen es – menschliche – Asche regnete. Sie sei nicht mehr Dita Kraus, sondern nur noch die Nummer „73305“ gewesen, die die Nazis auf ihrem Unterarm eintätowiert hätten. Es war der Zeitpunkt, an dem sie „nicht mehr leben wollte“.
Halt gaben ihr ihre Eltern und Fredy Hirsch, der sich im KZ für die Erziehung und das Überleben von tschechischen jüdischen Kindern aus dem Getto Theresienstadt einsetzte. Dita Kraus, die in der Bücherei arbeiten durfte, berichtete den Hammer Schülern vom Hunger, den täglichen Zählappellen und von ihrem Vater, der am 5. Februar 1944 starb. Im Mai kam es zu einer Selektion durch den berüchtigten KZ-Arzt Dr. Josef Mengele. Dita Kraus und ihre Mutter wurden als arbeitsfähig eingestuft und nach Hamburg geschickt. „Dort mussten wir Schwerstarbeit verrichten. Aber wir hatten Hoffnung, dass wir überleben.“

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Symbol des Schreckens: Im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wurden zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen ermordet. Dita Kraus, die am Dienstag mit Schülern des Märkischen Gymnasiums sprach,lebte dort fast sechs Monate unter menschenunwürdigenBedingungen. In Auschwitz selbst war sie seitdem nicht mehr.

Diese Hoffnung hielt einige Monate – bis Dita Kraus und ihre Mutter im März 1945 ins KZ Bergen-Belsen kamen. Für die Holocaust-Überlebende war es „das Schlimmste überhaupt“: Überall lagen Tote. Und als die Wachmannschaft getürmt war und die Tore geschlossen hatte, gab es kein Wasser mehr und nichts zu essen. „Wir saßen da und warteten auf den Tod. Als die britische Armee uns befreite, war kein Jubel zu hören. Dazu waren wir zu schwach.“

Auch Dita Kraus und Elisabeth Polach wurden krank. Während sich die 15-Jährige erholte, starb ihre Mutter Ende Juni 1945. Dita Kraus kehrte allein nach Prag zurück und kam bei ihrer Tante unter. „Ich musste meine Mutter zurücklassen, ohne dass ich sie beerdigen konnte.“
Viele Jahre später besuchte sie ein namenloses Grab in Bergen-Belsen, in dem – vermutlich – ihre Mutter beigesetzt wurde. Auch in Theresienstadt sei sie wieder gewesen. „Nur in Auschwitz war ich nie wieder. Es ist voll mit der Asche von Toten“, sagte sie auf Nachfrage eines Schülers.

Die hatten auch darüber hinaus viele Fragen an sie. „Das kommt ein bisschen spät“, antwortete Dita Kraus auf die Frage eines Schülers, wie sie es findet, dass mehr als 75 Jahre nach Kriegsende ehemalige Wachmänner vor Gericht stehen. Sie könne sich an keinen SS-Mann erinnern, der sie gut behandelt hat. Ob sie nach so vielen Jahren noch Hass gegen Deutschland empfinde, wollte ein anderer wissen. Sicher, sie wollte anfangs nie mehr nach Deutschland und auch kein Deutsch mehr sprechen. Aber Hass? „Mir fehlt sie Emotion Hass“, gab sie zu, um dann noch einmal den Blick ins Jahr 2021 zu schweifen. Traurig macht es Dita Kraus zu hören und zu lesen, wie viele Deutsche noch immer über die Juden denken und dass der Antisemitismus immer mehr zunimmt. Daher fasste sie ihre zentrale Botschaft mit zwei Worten zusammen: „Gegen Hass“. „Wir müssen unsere Kinder lehren, nicht zu hassen.“

WA vom 10.11.21 von Stefan Gehre

 

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